"Es war gezieltes Feuer auf Zivilisten"

6. Juni 2006, 09:48
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Ein unveröffentlichter Pentagon-Bericht bestätigt, dass US-Marines im November 2005 24 Zivilisten in der Stadt Haditha erschossen haben

Ein noch unveröffentlichter Pentagon-Bericht bestätigt erstmals, dass US-Marines im November 2005 24 Zivilisten in der irakischen Stadt Haditha erschossen haben.

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Washington/Haditha - Die erste offizielle Erklärung der US-Armee klang angesichts der täglichen Gewalt im Irak nach einer Routinemeldung. "Ein US-Marineinfanterist und fünfzehn irakische Zivilisten starben gestern bei der Explosion einer am Straßenrand deponierten Bombe", teilte das US-Militär am 20. November 2005 knapp mit.

Was ein Pentagon-Untersuchungsbericht aber nun über die Vorfälle in der zentralirakischen Stadt Haditha offen legt, bestätigt nur die Vorwürfe, die der demokratische Kongressabgeordnete und Vietnam-Veteran John Murtha seit Wochen erhebt: Die Soldaten "töteten kaltblütig unschuldige Zivilisten".

US-Marines sollen demnach am 19. November in Haditha, in der sunnitischen Unruheprovinz Anbar, 24 irakische Zivilisten - darunter Frauen und Kinder - erschossen haben. Der Untersuchungsbericht über die Vorfälle soll zwar erst im Juni veröffentlicht werden. Wegen der brisanten Ergebnisse unterrichtete das Pentagon aber bereits vorab zahlreiche Kongressabgeordnete in Washington.

Den Erschießungen in Haditha war am Morgen des 19. November ein Anschlag auf eine Gruppe von zwölf US-Marines aus Camp Pendleton, Florida, vorausgegangen. Ein Soldat starb bei der Explosion einer Bombe. Nur kurze Zeit nach dem Angriff erschossen die Marines fünf unbewaffnete Iraker, berichtet nun die New York Times. Anschließend sollen die Marines in mindestens zwei Häuser eingedrungen sein und 21 weitere Menschen, darunter einen drei Jahre alten Buben, erschossen haben. Drei bis fünf Stunden habe dieser Rachefeldzug gedauert. Die beteiligten Marines könnten wegen Mordes angeklagt werden.

Das Magazin Time hatte bereits im März von den Vorfällen in Haditha berichtet. Das Pentagon wies die Anschuldigungen aber zurück: Die Zivilsten seien bei Gefechten mit Aufständischen ins Kreuzfeuer geraten, hieß es damals. Eine Ermittlung wurde angeordnet. Forensische Untersuchungen belegen nun, dass die Soldaten bei der Erstürmung der Häuser nicht beschossen worden sind.

"Das war kein Unfall. Das war gezieltes Feuer der Marines auf Zivilisten", sagte der republikanische Abgeordnete John Kline. In den US-Medien wird Haditha bereits mit dem 1968 von US-Soldaten in Vietnam verübten Massaker in My Lai verglichen. "Wenn die Vorwürfe stimmen, ist der Vorfall in Haditha das schlimmste Kriegsverbrechen im Irak seit Beginn des Krieges", sagte John Sifton von Human Rights Watch. (red) derStandard.at/Irak

Mord an Sportlern

Bagdad - Offenbar wegen des Tragens kurzer Hosen sind im Irak der nationale Tennis-Coach Hussein Ahmed Rashid und die Spieler Nasser Ali Hatem und Wissam Adel Auda bei einem Überfall erschossen worden. Rashid und die Spieler wurden am Freitag in einem südlichen Bagdader Stadtviertel von Bewaffneten aus einem Auto gezerrt und erschossen. (sid/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.05. 2006)

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    Erstmals enthüllten Videoaufnahmen im März, dass US-Soldaten in Haditha mehrere Zivilisten erschossen haben.

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