"Das ist der soziale Tod"

17. Juli 2006, 17:52
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Immer mehr Flüchtlinge aus Afrika erreichen Teneriffa - Nach Internierung in Auffanglagern werden viele aufs spanische Festland gebracht

Auf der Urlauberinsel Teneriffa kommen immer mehr Flüchtlinge aus Afrika an. Nach Internierung in Auffanglagern werden viele aufs spanische Festland gebracht und landen dort in der Kriminalität.

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Die spanischen Behörden haben dazugelernt. Anders als im vergangenen Herbst, als tausende von Afrikanern die Grenzzäune der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla überwanden, gibt es jetzt keine Lebensgeschichten von denen, die die gefährliche Reise von Afrika auf die Kanarischen Inseln geschafft haben. Die Schwarzafrikaner, die zu tausenden mit lang gezogenen Fischerbooten, den Cayucos, auf den europäischen Außenposten mitten im Atlantik gelangen, sind nur noch Nummern. "134 in zwei Cayucos." "645 in nur 24 Stunden." "1300 seit dem Wochenende." Waren die Flüchtlinge in Melilla dank liberaler Politik in der Stadt anzutreffen und konnten frei reden, scheinen sie in Teneriffa, der Insel, auf der jetzt die meisten ankommen, nicht zu existieren.

Untergebracht sind sie in Internierungslagern. Eines davon, La Hoya Fría, liegt neben einer Militärkaserne, nahe der Inselhauptstadt Santa Cruz. Mehr als vier Meter hohe, mit Scheinwerfern und Lautsprechern versehene Betonmauern umgeben das Gelände. Durch die Streben des Metalltors sind graue Gebäude mit kleinen Fenstern zu sehen.

Kein Beamter, kein Flüchtling weit und breit. Nur am Eingang, einem Betonturm mit Panzerglasfenstern, sitzt jemand. "Einen Verantwortlichen wollen Sie sprechen?" Er verschwindet. Erst zehn Minuten später gibt er durch das Sprechloch eine Telefonnummer des Zentralkommissariats in Santa Cruz.

Neugierige Touristen

Die meisten Gestrandeten kommen im Hafen der Feriensiedlung Los Cristianos im Süden der Insel an. Hier an die Mole, von wo aus Jahr für Jahr 1,8 Millionen Touristen die Fähre zur Nachbarinsel Gomera nehmen, schleppen Seerettungsdienst und Polizei die überfüllten Cayucos. Wenn eines ankommt, spielt sich immer die gleiche Szene ab. Die Polizei sperrt den Molenzugang, Gespräche mit Flüchtlingen werden nicht erlaubt.

Das Personal der Seerettung trägt weiße Overalls, Atemschutzmasken und Brillen. Zwei mit Gummihandschuhen ausgerüstete Polizisten packen die Flüchtlinge an den Oberarmen und helfen ihnen beim Sprung hinüber an Land. Die meisten von ihnen lächeln. Sie haben es geschafft. Sie sind in Europa.

Unter den Augen der schaulustigen Touristen auf der Aussichtsterrasse geht es dann in eines der Zelte des Roten Kreuzes zur Erstuntersuchung und dann zum Kommissariat der Nationalpolizei in Las Américas, wo sie einem Richter vorgeführt werden.

Das Kommissariat befindet sich am Rande der Urlaubersiedlungen, nichts deutet hier auf die Flüchtlingssituation hin. Um die Mittagszeit fahren plötzlich zwei Reisebusse vor. Beamte stellen sich im Spalier auf, ein Gittertor öffnet sich. Dahinter stehen die Flüchtlinge. Verstörte Gesichter. Jeder hat einen Aufkleber mit einer Nummer auf der Brust.

"Hopp, hopp!", werden die Afrikaner in die Busse gescheucht. Ein Mannschaftswagen vorneweg, ein anderer hinterher, verschwinden sie Richtung Autobahn. "Keine Auskunft", raunt ein Beamter auf die Frage, wohin sie gebracht werden. Später wird eine Telefonnummer in Santa Cruz mitgeteilt. Unter dieser gibt es zwar auch keine Besuchsgenehmigung, der Pressebeamte gibt aber Zahlen über die Flüchtlinge bekannt; auch wenn er dazu nicht berechtigt sei. Im Bunker von Hoya Fría, ausgelegt für 238 Menschen, sind 300 interniert. Im Militärcamp Las Raices seien es 780 und in Las Américas mehr als 100.

"Die Lager sind restlos überfüllt", sagt Lucambré Diouf, der Vorsitzende des Forums für Immigration, das die Inselregierung berät. In ihm sind Gewerkschaften, Immigrantenvereinigungen und Unternehmerverbände vertreten.

"Wir vom Forum haben keinen Zugang zu Flüchtlingen", erklärt Diouf, ein Senegalese, der seit 14 Jahren in Teneriffa lebt. Er ist auf Nachrichten aus seiner Heimat angewiesen, um zu rekonstruieren, wie die Überfahrten ablaufen.

"Keine Mutterschiffe"

"Die Vermutung, dass Mutterschiffe die Cayucos auf hoher See aussetzen, um so die Überfahrt zu verkürzen, ist ein Gerücht", erklärt er. Die Flüchtlinge seien tatsächlich sieben bis neun Tage unterwegs. Hin und wieder legten sie an unzugänglichen Buchten an. Ein Besuch in Buzanada, einem Ort im Landesinneren, macht die Strapazen, in einem Cayuco zu reisen, deutlich. Auf dem Gelände einer Baufirma lagern 34 Boote. Sie sind zum Teil mehr als 20 Meter lang. In der Mitte ist der Innenraum bis zu 1,50 Meter tief. Rund 100 Menschen finden hier Platz.

Alle Boote haben zwei Motoren. Einer im ständigen Einsatz, ein zweiter, fabrikneu und in Ölpapier verpackt, für den Notfall. Überall liegen zurückgelassene Schwimmwesten, Kleider und Schuhe umher. Leere Reissäcke zeugen von der spärlichen Kost. Zum Kochen dienten Campinggasflaschen und Autofelgen als Holzkohlengrill. Mehrere Boote sind auseinandergebrochen, als sie aus dem Wasser gehoben wurden. Die Rümpfe sind mit bunten Mustern bemalt. "Ya Salame" heißt eines, das andere "African Star". "Oft sind unter den Immigranten Fischer aus dem Senegal", erzählt Diouf. Sie seien erfahren genug, um mithilfe eines GPS die Route auf die Kanaren zu finden. Umgerechnet 1200 Euro koste die Reise.

Sorgen um Rechte

Diouf macht sich Sorgen um die Rechte der Flüchtlinge. "Viele haben sicher Asylgründe, werden aber unzureichend informiert", befürchtet er. Die meisten sitzen 40 Tage im Lager. Wenn sie dann nicht in ihre Heimat abgeschoben werden können, weil unklar ist, woher sie stammen, oder weil es kein Rücknahmeabkommen gibt, werden sie auf das spanische Festland gebracht und dort freigelassen. "Das ist der soziale Tod", weiß Diouf. Ohne Papiere kein Job. "Sie enden in der Kriminalität, Prostitution oder im Drogenhandel."

Das Forum verlangt deshalb Einwanderungsabkommen mit den Herkunftsländern. "In Spanien und auch hier auf den Inseln besteht Bedarf an Einwanderung", sagt Diouf. Doch kennt er auch die Statistiken. "Die besagen: Das größte Cayuco ist das Flugzeug." Denn die meisten Einwanderer kommen mit einem Touristenvisum aus Lateinamerika und Osteuropa. Viele von ihnen finden Arbeit, das zeigt die Regularisierung von Einwanderern ohne Papiere im vergangenen Jahr. "Doch für Afrikaner scheint es keinen Platz zu geben", bedauert der Senegalese Diouf. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.05. 2006)

Von Reiner Wandler aus Teneriffa
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    Unter den Augen schaulustiger Touristen werden die auf Teneriffa ankommenden Flüchtlinge gesammelt und dann zum Richter geführt.

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