"Viele neigen zur Überschätzung"

12. Juli 2006, 16:32
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Wie ein Börsencrash die Immobilienwerte beeinflusst und wozu man einen Bewerter braucht, erklärt Max Wohlgemuth von Spiegelfeld-Liegen­schaftsbewertung

STANDARD: Immobilien gelten als krisenfeste Investition. Belebt der aktuelle Aktien-Kurssturz die Immobilienwerte?

Max Wohlgemuth: Der Börseneinbruch verstärkt eindeutig den Trend der vergangenen Jahre. Immobilienfonds und Immobilien selbst sind ja seit vielen Jahren konsequent im Wert gestiegen. Und auch wegen des aktuellen Crashs, der ja nicht der erste war, werden wieder mehr Anleger den Schutz der als sicher geltenden Immobilienveranlagungen suchen.

STANDARD: Wozu diejenigen, die etwa in SEG-Aktien investiert haben, nicht unbedingt raten dürften. Schon vor dem Crash haben SEG-Aktien ja dramatisch verloren.

Wohlgemuth: Wie das genau bei der SEG gelaufen ist, weiß ich nicht. Ich habe mich damit nicht befasst und möchte das daher nicht kommentieren. Wir von Spiegelfeld beschäftigen uns seit Jahren primär mit dem Immobilienfonds der Volksbank, der uns als Bewerter beschäftigt. Dort läuft alles seriös ab, denn es ist ein Fonds, der dem Investmentfondsgesetz unterliegt und daher verstärkten Anlegerschutz sicherstellt.

STANDARD: Viele andere Fonds dagegen, wie etwa die SEG und die Immofinanz, treten als Aktiengesellschaften auf. Muss ein Anleger da eben mehr Risiken in Kauf nehmen?

Wohlgemuth: Die Immofinanz hat inzwischen eine Größenordnung erreicht, wo man sich sagt, was soll da noch passieren. Und auch sie hat, ebenso wie die SEG, selbstverständlich Bewerter, die alles kontrollieren und für ihre Gutachten haften.

STANDARD: Merken Sie die Belebung der Immobilienwerte?

Wohlgemuth: Auf jeden Fall. Auch deshalb, weil noch mehr Anleger in die Immobilienfonds gehen, die mit Kapital voll gestopft sind. Das müssen sie ja investieren. Wer gerade eine Immobilie verkaufen will, hat dafür also mehr Interessenten – und kann einen höheren Preis verlangen.

STANDARD: Was macht überhaupt den Wert einer Immobilie aus, gibt es da Regeln?

Wohlgemuth: Vor allem bestimmt ihn die Lage. Die ist immer wichtiger geworden. Beispielsweise im ersten Bezirk in Wien: Was schon seit Jahren hoch eingestuft war, ist in den vergangenen fünf Jahren regelrecht explodiert. Auch die Grünbezirke Wiens haben einen kräftigen Schub bekommen. Runtergesackt sind schlechte Lagen, architektonisch unattraktive 60- und 70er-Jahre Häuser. Die Leute sind sehr wählerisch geworden, außerdem sind momentan besonders viele Wohnungen auf dem Markt.

STANDARD: Wie realistisch schätzen private Verkäufer den Wert ihrer Immobilie ein?

Wohlgemuth: Private Anbieter neigen zur Überschätzung ihres Eigentums. Sie setzen den Wert im Durchschnitt um rund 20 Prozent zu hoch an, was nachvollziehbar ist, weil da oft Emotionen im Spiel sind, die den Blick verschleiern. Ein professioneller Bewerter dagegen hat einen sachlichen Zugang, kennt den Markt und kann den tatsächlichen Wert profund einschätzen. Wer eine Immobilie ohne Gutachten anbietet oder kauft, kann hohe Summen verlieren.

STANDARD: Woran aber erkennt man die Qualifikation des Bewerters? Ist die neue Grazer Zertifizierungsstelle "Immozert" ein Gütesiegel?

Wohlgemuth: Jede Maßnahme, die qualitätssteigernd wirkt, ist zu begrüßen. Das höchste Gütesiegel aber ist und bleibt der gerichtlich beeidete Sachverständige. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.5.2006)

Das Gespräch führte Susanne Rössler.
  • Max Wohlgemuth: "Die Lage bestimmt den Wert einer Immobilie."
    foto: spiegelfeld

    Max Wohlgemuth: "Die Lage bestimmt den Wert einer Immobilie."

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