Als das Würgen noch geholfen hat

2. Juni 2006, 12:47
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Thomas Jonigk erklärt in "Vierzig Tage" der Konsumgesellschaft den Krieg

Es fällt schwer, im Falle des Buches Vierzig Tage von einem regelrechten Roman zu sprechen: einer erzählenden Schrift, die laut Schema Anfang, Mitte und Ende vorzuweisen hat – die günstigstenfalls die Anbahnung wie den Verlauf ihrer "natürlichen" Erzählentwicklung zum Thema ihres eigenen Schreibvollzugs macht und die Widersprüche, die sie aufwirft, zur künstlerisch ersprießlichen Synthese führt.

Der aus Eckernförde gebürtige Thomas Jonigk, der in den 90ern den Ruhm des Radikaldramatikers in der Jelinek-Nachfolge genoss, ehe er mit Jupiter ein faszinierend ungebärdiges Romandebüt vorlegte, um im Folgenden aus dem kaum noch hochgedrehten Scheinwerferlicht wieder zu verschwinden, macht Ernst. Er verrechnet den Anfang einer sentimentalischen Persönlichkeitsentwicklung mit dem Kollaps unseres Gemeinwesens. Er umkreist den Untergang einer Konsumgesellschaft in beruhigten Breiten, die zwar tapfer an den Hungertüchern ihrer umgangssprachlichen Vorschreibungen nagt, aber – rein "menschlich" betrachtet – nichts Ordentliches zu beißen hat.

Jonigk proklamiert eine Art Kulturapokalypse. Deren Vertreter über dem Karfiolduft bescheidener Eigenheime das unaufhörliche Schwirren von Kampfjets imaginieren, die ihre geschrumpften Wohlstandsväter in hässliche Sterbebetten hineinwünschen, die aber über sich selbst desto ungerührter zu Gericht sitzen. Der kurze Roman Vierzig Tage, dessen Titel auf das überlieferte Währen der Sintflut hinweist, setzt circa dort ein, wo die Masse deutscher Gegenwartsliteraten bereits ihr modisches Schreibbesteck weggelegt hat, um in "Chill-out"-Winkeln der Lust am Fortwursteln zu frönen.

Jonigk – und darin besteht der unerhörte Kunstgriff seines Textes – erzählt aus der monomanisch verengten Warte eines Psychotikers: eines mutmaßlich homosexuellen Lokalredakteurs namens Jan Jonas, dessen nagende Ich-Schwäche ein seltsam umständliches Bürokratendeutsch generiert. Herr Jonas ist ein Sensualist des Alltagsekels: Er definiert Wahrnehmungen, indem er das Wesen von Objekten konsequent auf deren Oberflächenbeschaffenheit zurückführt. An der unvollkommenen Beschaffenheit verfallender oder fettleibiger Körper entzündet sich so eine vernunftähnliche Daseinskritik, die verzerrt, aber umso getreulicher das herrschende Regiment einer kulturindustriell gebotenen "Perfektion" abbildet.

Jan, der seinen kranken Vater mutmaßlich mit einem Polster erstickt, um auf offener Straße von einem Bombenangriff überrascht zu werden und eine "hässliche" Fischfrau kennen zu lernen, die er zu lieben meint – "er lauscht, als dächte der Raum langsam Gedanken für ihn". Er gerät an die lächerliche Klischeefigur eines Kriminalkommissars, der ihn, den "Vatermörder", an Kindes statt adoptiert. Langsam, wie in Trance, streift unser Held die Normen seines überkommenen Anspruchsdenkens ab. Er lässt "typengerechten Lippenstift und Trendfrisuren" fahren und erlebt etwas durchaus Mystisches: den "Einbruch des Realen", den er zwar schockhaft erfährt, der ihn aber von der Last des symbolischen Vergleichens ein für alle Mal entbindet.

Es ist das "Tief Noah", das sich über den Elitedienstleistern dieses postindustriellen Spiegelkabinetts als Verhängnis zusammenbraut. Jonigk durchschlägt die Paravents einer als beengend erfahrenen Lebenswelt: Er imaginiert den Tod des Helden, schenkt diesem aber ein Weiterleben als mythologischer Fährmann. Jan, der nach grotesken Ausflügen in ein Kellersystem der Verwünschung "bereits in einer Zeit vor dem Anfang ist", kann sich von allen psychologischen Verstrickungen lösen, indem er das typische Transportschiff gattungspolitischer Selektion besteigt: die gute alte Arche. Mit der Einreihung in die Ordnung der Paare löst sich auch die Psychose. Jan Jonas, ein nach Schatten haschender Schlemihl der Globalkultur, muss nicht länger den Namen des Vaters verdrängen oder an der Unvollkommenheit seines Körperumrisses verzweifeln. Er darf endlich er selbst sein.

Das Happyend eines merkwürdigen Selbstverständigungstextes? In Jonigks sprödem, aber faszinierendem Roman wird ausgerechnet im Sigmund-Freud-Jahr noch einmal die Probe auf Ganzheitskonzepte gewagt, die mit der Aufbrechung unserer Subjektivität dringend rechnen. Mindestens als Konsumenten gelten wir Mitteleuropäer ja gemeinhin als mündig – als ökonomisch zurechnungsfähig und beliebig modellierbar. Dass dergleichen Wachstumsfantasien nichts anderes als eine höhnische Verzerrung unserer individuellen Möglichkeiten darstellen – zur Gewinnung einer solchen Einsicht bedarf es wiederum einer Literatur, die ihre eigenen Voraussetzungen lustvoll aufs Spiel setzt. Damit sie an einem Anfang stehe, wenn sie mit uns zu einem Ende kommen will. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von Ronald Pohl

Thomas Jonigk

"Vierzig Tage"
€ 16,–
160 S
Droschl, Graz-Wien 2006.
  • Artikelbild
    foto: buchcover droschl-verlag
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