Alte Fehden, frische Rache

2. Juni 2006, 12:47
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Gaetano Savatteri durchmisst kunstvoll die Geschichte Siziliens

Leonardo Lo Nardo fällt aus heiterem Himmel einer Besessenheit zum Opfer. Die zufällige Bekanntschaft mit einem pensionierten Richter bringt ihn auf die Spur eines geheimnisvollen Todesfalles. Auf einer der Fähren von Palermo nach Neapel ist 1985 ein junges Mädchen von Bord gefallen und verschwunden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die hübsche Architekturstudentin Maddalena Pancamo Selbstmord begangen hat, aber wer soll sie über die Reling gestoßen haben?

Die Passagierliste scheint unverdächtig. Als der alte Richter Leonardo beichtet, dass er selbst nicht gerade korrupt, aber auch nicht besonders heroisch höheren Interventionen nachgegeben hat und den Fall auf sich beruhen ließ, spornt er den jungen Bib^liothekar an, in der Vergangenheit zweier sizilianischer Familien zu stöbern. Die Pancamos und die Pintacoronas sind seit jeher Feinde gewesen; selbst die seltenen, von den Familien brutal unterbundenen Liebesbeziehungen haben immer in Tragödien geendet. Durch eine böse Laune des Schicksals scheint es zudem so zu sein, dass die Pancamos immer auf die Butterseite fallen, sich zufällig auf die richtige politische Seite schlagen, während die vom Pech verfolgten Pintacoronas dauernd den Kürzeren ziehen. Wenn man zudem in dem sizilianischen Örtchen Giallonardo aufeinander klebt, sind die klassischen Fehden geradezu unausweichlich.

Was sich anlässt wie ein gewöhnlicher Kriminalroman, entwickelt sich sehr schnell zu einem diffizilen Netzwerk aus verschiedenen Zeitebenen und Spuren, die ins Nichts führen, geheimen Verbindungen, verblüffenden Zufällen und Reminiszenzen an die großen Dichter Siziliens. Der Autor bewahrt bei all dem Contenance: Gelassen schlingt er die Fäden seiner Erzählungen zusammen, lässt lose Enden, baut alte Zeitungsberichte über längst in Vergessenheit geratene politische Zwiste ein und entwirft so nebenbei ein atmosphärisch einprägsames Gemälde vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Leonardo versenkt sich schließlich vollkommen in die alten Geschichten; er verliert die Gegenwart und vorübergehend auch seine ziemlich hysterische Frau, die ganz andere Ziele hat. Sie will endlich ein Kind, und wenn es sein muss durch künstliche Befruchtung. Der Spezialist, zu dem sie Leonardo schleppt, hat indes wiederum eine Beziehung zu dem Unglück auf der Fähre. Die Wahrheit ist eine Sache der Interpretation und des Blickpunktes wie Pintacorona in einer wütenden Suada Leonardo erklärt, soll heißen, die Historiker produzieren nichts als "Bockmist". Gaetano Savatteri, der als Journalist in Rom arbeitet, ist jedenfalls ein sehr geschickter Historiker und ein Poet dazu; diese Art von "Bockmist" lässt man sich gern gefallen. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von Ingeborg Sperl

Gaetano Savatteri
"In der Sache Maddalena Pancamo"
Deutsch: Annette Kopetzki
€ 20,10
280 Seiten
Klett-Cotta, Frankfurt/Main 2006.
  • Artikelbild
    foto: buchcover verlag klett-cotta
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