Literarisches Hochgebirge

2. Juni 2006, 12:47
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Péter Esterházy hat ein monumentales Immer- wieder-Lesebuch geschrieben

Möglicherweise war es nur der Lust und der Laune eines barocken Fürsten zu verdanken, dass er diesen Ort gewählt hatte, den Ort, an dem wir uns jetzt befinden." Dieser "barocke Fürst" heißt mit vollem Namen Péter Graf Esterházy, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchtenstein, Herr auf Czakvar und Gesz^tes. Oder bürgerlich: Péter Esterházy, vielfach ausgezeichneter Budapester Schriftsteller, etwa der Familienchronik Harmonia Caelestis und der vaterkritischen Nachschrift Verbesserte Ausgabe und diesen April mit dem "Wein-Oscar" gekrönt. Der Ort sind 900 großformatige Buchseiten, auf denen der hinreißend rätselhafte Titel Einführung in die schöne Literatur prangt.

Wovon in dieser 21-teiligen Einführung die Rede ist? Da gibt es einen Prosatext, der sich entsprechend dem Titel "indirekt" an zahllosen literarischen Zitaten entlanghangelt. Und ein Filmtreatment. Hier taucht eine Tschechow-Novelle auf, die gleich in eine Abschweifung umschwenkt, und dort ein unverblümt obszönes Opernlibretto. Indezentskatologische Passagen gibt es zuhauf. Vor allem aber wird geredet, geliebt, philosophiert, dialogisiert, ersonnen, geschildert, fantasiert. Von der Familie, von Sommergeschehnissen, von ersten sexuellen Erkundungen.

Surrealistisch verdrehtes Bilderbuch

Erinnerungen liest man, Fabulationen, Ängste, erotische Sehnsüchte und immer wieder durch die Macht der Memoria Beschworenes, Beschriebenes, Evoziertes. Typografisch folgt die deutsche Ausgabe dem 1986 erschienenen ungarischen Original. So finden sich auch hier dem Fließtext beigeordnete Marginalien, Bemerkungen in der Randspalte, die ihn kommentieren, paraphrasieren, ihn aufrauen, verkehren, ihm zuwiderlaufen. Sie quellen über von Zitaten, Kommentaren, Verweisen, Verdrehungen, auch von Kauderwelsch. Zusätzlich begleiten, akzentuieren, akkordieren Bilder und Fotomontagen, Pikto- und Ideogramme die miteinander verwobenen Einzelbücher, als handle es sich um ein surrealistisch verdrehtes Bilderbuch, um ein Lexikon all dessen, was die Welt zusammenhält. Und das ist vor allem die Sprache und die Subjektivität eines listigen Ichs.

Kritik ist inkludiert. Denn denkbare Einwände gegen all dies Überschäumende, Überschießende werden von Esterházy geistreich sofort vorweggenommen. "Er will ‚hcuB tleW‘ sein", liest man in einer Randbemerkung, "darauf scheint die umgekrempelte Anfangs- (also Schluss-) und Schluss- (also Anfangs-)Klammer hinzuweisen, welche quasi die Außenwelt (the rest of the world) in Klammern setzt: Den aristokratischen Gesten werden heftige Naturbursch-Ausfälle entgegengesetzt – ob eine Balance wirklich entsteht, ist überaus fraglich, aber dass auf diese Weise keine der beiden ruhig genossen werden kann, ist eine Tatsache; all dies ist ein wenig überdimensioniert, die spielerisch-ironischen Allusionen, die intellektuellen Scherze, die Wortspiele und Reminiszenzen eröffnen manchmal ein viel zu weites, gedanklich nicht ausreichend fundiertes Assoziationsfeld ..."

Wovon ist in diesem "hcuB tleW", in diesem universalen Weltbuch, die Rede?

Von Eros, von Thanatos. Wie passend, dass dieses Buch hervorragend übersetzt nun ausgerechnet im Freud-Jahr auf Deutsch erscheint. Esterházy setzt sich kaum Grenzen. Er arbeitet daran, "das Grundthema über mehrere Passi in seine einzelnen Stränge zu zerlegen, zu Ende zu imitieren, zu spiegeln, zu ziselieren, zu verengen und zu erweitern, es zu unendlichen Drähten zu verspinnen". Er imitiert, schwadroniert, parodiert, sinniert, travestiert, trommelwirbelt, zitiert, ironisiert, spinnt aus und weiter, pinselt pastos saftiges Leben und strichelt dann wieder ergreifend zart, ja berührend, so wenn er über den Tod seiner Mutter schreibt.

Acht Jahre lang hat Esterházy an diesem Monumentalwerk gearbeitet. Anfang 1978 habe er ein "Gebäude" vor sich gesehen, ein "Texthaus". Sukzessive erschienen, in den 1980ern auch auf Deutsch im Residenz Verlag, separat ausgelöste Bände. "Als ich damit fertig war", so Esterházy, "begann ich das große Gebäude zusammenzustellen, baute Treppen, Querkorridore, Fenster, kleine Gesimse, Leisten, Lappen, Zinnen, Schräggesims, Zahnfries, Kugelfries, Kastengesims, Rundbogenfries, Sockelgesims." Ein verschwenderisches Buch, ein labyrinthisches Gebäude, zentriert um eine Bibliothek, von der sich in der Manier Piranesis Raum um Raum abzweigt. Und jeder davon enthält weitere Bücher, Büchersammlungen, Büchergeschichten, Bücherworte. Betörend Zirzensisches. Die Welt, ins Wort gekippt. Die Liste mit Namen jener Autoren, derer sich Esterházy bediente, umfasst allein vier Druckseiten.

"Ich lasse mich durch die Wörter vorantreiben"

Die Einführung in die schöne Literatur ist ein literarisches Hochgebirge der Spätmoderne. Wie Julio Cortazars Rayuela. Wie JR von William Gaddis. Oder wie Georges Perecs Das Leben. Gebrauchsanweisung. Perecs Buch sei ein "Basar von einem Buch", meinte ein Literaturkritiker. Und wie auf einem Basar, einem Markt fliegen bei Esterházy, ebenso anstrengend wie lohnend, abertausende Elementarteilchen der Literatur durch die Lüfte, schweben fort, lassen sich kurz nieder, werden weitergeweht und rekombiniert. Wie diese literarische Konterbande, bei allem Sarkasmus und seiner Karikatur offiziösen Politsprechs, die Zensur des realungarischen Gulaschkommunismus passieren konnte, erscheint mirakulös.

"Wovon ist hier die Rede? Ich lasse mich durch die Wörter vorantreiben", erläutert Péter Esterházy seine Methode. Eine Tante hätte ihm einmal gesagt, sie lese keine Bücher, die man zusammenfassen könne. "Und ich, ich möchte keine solchen Bücher schreiben." Das ist ihm gelungen. Fast unmöglich, dieses Panoptikum auf einmal zu lesen. Und so ist wird es zum Immer-wieder-Lesebuch. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von Alexander Kluy

Péter Esterházy
"Einführung in die schöne Literatur"
aus dem Ungarischen von Bernd-Rainer Barth, György Buda, Zsuzsanna Gahse, Angelika Máté, Péter Máté, Terézia Mora und Hans-Henning Paetzke
€ 61,70
900 Seiten
Berlin Verlag
Berlin 2006.
  • Artikelbild
    foto: buchcover berlin-verlag
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