"Viele neue Freunde gewinnen"

12. Juni 2006, 10:49
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Trinidad und Tobago ist erstmals bei einer Endrunde vertreten. Routinier Russell Latapy im Interview über die Ziele seines Teams

Bad Radkersburg - Die Kicker von Trinidad und Tobago treten im Rahmen ihres Trainingslagers im steirischen Bad Radkersburg, das der letzten Vorbereitung auf die Fußball-WM 2006 in Deutschland dient, auch kräftig in die Pedale. Der Weg vom für zwei Wochen bezogenen Quartier zum Training und retour wird grundsätzlich mit dem Fahrrad zurückgelegt. Kein Wunder, Boss Leo Beenhakker ist Niederländer.

Russell Latapy ist mit fast 38 Jahren der Senior im Team. Der Spielertrainer des schottischen Zweitligisten Falkirk FC gehörte bereits am 19. November 1989 zur Nationalmannschaft der Zwillingsinseln, die damals durch eine 0:1-Heimniederlage gegen die USA die erste WM-Teilnahme hauchdünn verpasst hatte. 17 Jahre später geht der große WM-Traum nun doch noch in Erfüllung.

Im Interview mit der APA plaudert der Mittelfeldregisseur über die Mission seines Teams in Deutschland, wo man in der Gruppe B auf England (15.6.), Schweden (10.6.) und Paraguay (20.6.) trifft.

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APA: Auf Trinidad und Tobago warten in Deutschland harte Gruppengegner. Wen schätzen Sie am stärksten ein?
Latapy: "Ich glaube, es wird gegen alle drei Teams sehr schwer für uns. Viel wird von der Tagesform abhängen. Wenn wir einen guten Tag erwischen und auch das nötige Glück haben, dann können wir vielleicht die eine oder andere Überraschung schaffen."

APA: Was ist das Ziel der Mannschaft - ein Punkt, ein Sieg oder gar der Aufstieg ins Achtelfinale?
Latapy: "Das Wichtigste ist für uns, dass wir durch unseren WM-Auftritt viele neue Freunde gewinnen - weltweit und auch in der Heimat. Denn so bekommen unsere Kinder neue sportliche Vorbilder, denen sie nacheifern können, und das ist wiederum gut für die Fußball-Entwicklung in meiner Heimat. Denn nur so können wir es schaffen, so wie Mexiko und die USA regelmäßig an Weltmeisterschaften teilzunehmen. Unsere WM-Mission lautet also, möglichst viel positive Werbung für Trinidad und Tobago zu machen."

APA: Sie hatten sich bereits nach der gescheiterten Qualifikation für die WM 2002 vom Nationalteam verabschiedet. Was oder wer gab den Ausschlag zum Rücktritt vom Rücktritt?
Latapy: "Ich hatte seit meinem 17. Lebensjahr für die Nationalmannschaft gespielt und dann nach 16 Jahren als 33-Jähriger meinen Rücktritt vom Team bekannt gegeben. Doch unser neuer Trainer Leo Beenhakker hat mich dann wieder zum Nationalteam eingeladen, wobei ich anfangs nicht gleich zur Verfügung stand, weil ich bei Falkirk FC als Spielertrainer ziemlich viel zu tun habe. Doch schließlich bin ich dem Ruf meines besten Freundes, Dwight Yorke, gefolgt und habe mein Team-Comeback gegeben."

APA: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem 16. November 2005, jenem Tag, an dem Ihr Team die erste WM-Qualifikation fixiert hat?
Latapy: "Das war ein ganz wichtiger Tag für uns. Denn da haben wir bewiesen, dass es bei uns nicht nur talentierte Fußballer wie Dwight gibt, sondern wir auch als Team bestehen können. Wir haben damit der Welt gezeigt, dass wir, obwohl wir mit 1,3 Mio. Einwohnern ein sehr kleines Land sind, es wirklich verdient haben, zur WM zu fahren."

APA: Wie groß war der Anteil von Leo Beenhakker an diesem Erfolg?
Latapy: "Leo hat uns vor allem in punkto Disziplin geschult. Er hat es geschafft, dass wir auf dem Platz genauso diszipliniert auftreten wie abseits des Spielfeldes. Das war sein größtes Verdienst."

APA: Was sind Ihre persönlichen Zukunftsperspektiven? Sie werden im August 38, sind damit der älteste Spieler in der Gruppe B, vielleicht sogar der älteste, der in Deutschland zum Einsatz kommt.
Latapy: "Nach der WM werde ich sicher nicht mehr fürs Nationalteam spielen. Doch wenn es mein Körper erlaubt, werde ich noch eine Saison bei einem Klub anhängen, ehe ich mich ganz aufs Coachen verlegen werde. Denn Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, deswegen werde ich diesem Spiel immer verbunden bleiben."

Stichwort: Soca Warriors

Das Team von Trinidad und Tobago ist in seiner Heimat als "Soca Warriors" bekannt. Doch Soca leitet sich nicht etwa vom in Nordamerika und der Karibik für Fußball gebräuchlichen Terminus "Soccer" ab, sondern einem Musikstil. Der Ursprung diese Wortes ist unter Musikwissenschaftern umstritten, doch heute wird als Definition oft die Formulierung "Soul of Calypso" angegeben. Soca entstand in den 70er Jahren auf Trinidad und Tobago und hat sich aus einer Mischung von Calypso mit indischen Rhythmen entwickelt.

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Trinidad and Tobago FA

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