Im Zug der Zeit

6. Juni 2000, 00:23

Samo Kobenter

Sicherlich gibt es genug Eisenbahner, die genauso schwer arbeiten wie alle anderen Arbeitnehmer auch. Sicherlich sind es die Ausnahmen, die ihren Ruf als fantasievollste Pensionsanwärter und begabteste -genießer geprägt haben. Aber, bei allem Verständnis für den Wunsch, mit 53 Jahren in Pension zu gehen - wer wollte das nicht -, wäre den Betroffenen nachdrücklich angeraten, ihre Streikdrohung noch einmal zu überdenken. Stimmt schon, es ist eine furchtbare Zumutung der Regierung, das Pensionsantrittsalter um eineinhalb Jahre zu erhöhen. Doch Hand aufs Herz: Ein Ruhestand mit 54,5 Jahren hat doch auch seinen Reiz, vor allem, wenn man Gleichaltrigen jeden Morgen ein Scherzwort auf ihrem Weg zur Arbeit nachrufen kann. Und das über Jahre hinweg.

So gesehen, dürfte ein Streik für die Beibehaltung eines Pensionsalters von 53 Jahren in der Öffentlichkeit eher auf zurückhaltende Begeisterung stoßen. Auch das Argument, mit 53 könne nur gehen, wer bereits mit 18 Jahren zur ÖBB gekommen sei, ist wenig stichhaltig. Zur Bahn kommen die meisten ja, um früher gehen zu können - in Pension nämlich. Und wer so denkt, tut es sicher schon mit 18, spätestens aber mit 20 Jahren.

Da ist es auch in den meisten Fällen nicht zu spät für umfassende Aus- und Weiterbildung, die der Arbeitgeber tüchtigen Mitarbeitern anbietet. Dass die Eisenbahner keine Abfertigung bekommen und mehr als 38,5 Wochenstunden arbeiten, dazu Nacht- und Tagdienste schieben, stimmt schon auch. Allerdings tun das Angestellte in der Privatwirtschaft ebenfalls, noch dazu zu meist schlechteren Überstunden- und Nachtdienst-Konditionen. Vor allem aber, ohne boshaft sein zu wollen: auch länger, wenn man es auf die Lebensarbeitszeit hochrechnet. Und das wird durch keine Abfertigung wettgemacht.

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