Abhängigkeit von Auslandskapital, Ost-Image belastete

26. Juni 2006, 13:53
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Kontrollbankvorstand Johannes Attems: Mehr Unternehmen an die Börse, um die Dominanz der Großen auszubalancieren

Wien - Die weitgehende Abhängigkeit von ausländischen Anlegergeldern, das hohe relative Gewicht einiger weniger großer Konzerne, Zweifel an der Osteuropastory sind die Hauptgründe dafür, dass Wien stärker als andere Börseplätze unter den Kursrückgängen der vergangenen Tage zu leiden gehabt hat, sagte der Vorstand der Kontrolbank (OeKB), Johannes Attems am Freitag vor Journalisten in Wien. Ein probates Gegenmittel sieht Attems in mehr börsenotierten Unternehmen.

"Die Top 4 der Unternehmen an der Wiener Börse verfügen über 50 Prozent der Börsekapitalisierung", dies sei in den reifen angelsächsischen Kapitalmärkten undenkbar, meinte der Banker. Wenn in einem solchen Szenario ausländische Anleger Geld aus dem gewichtigsten Wert (OMV) abzögen und die ebenfalls gewichtigen Finanztitel Erste Bank und Raiffeisen International (RI) von Zinsängsten belastet würden, komme es eben zu hohen Kursverlusten. Trotzdem liege der Finanzplatz Wien über einen etwas längeren Durchrechnungszeitraum deutlich über dem DAX, sagte Attems.

Überraschung über Reaktion auf OMV und Verbund

"Was mich überrascht hat, war die sehr starke und rasche Reaktion der internationalen Player auf die Pläne von OMV und Verbund, vielleicht weil es keine vergleichbaren Beispiele für ein solches Zusammengehen gab."

Etwa 50 der insgesamt 125 Mrd. Euro, die die Unternehmen an der Wiener Börse auf die Waage bringen, stammen aus dem Ausland. "Das ist natürlich flüchtiges Kapital, das vergleichsweise rascher bewegt werden kann als jenes, das in festen Händen in Österreich ist."

Osteuropa-Fantasie negativ

Der ATX hatte am vergangenen Montag beim schlimmsten Kursmassaker seit Jahren um 7,5, der DAX um "nur" 2,2 Prozent verloren. Nach einer Aufholjagd notiert der ATX derzeit (Freitag, 12.30 Uhr) knapp unter, der DAX knapp oberhalb des Börseschlusses von vergangener Woche.

Weiters habe sich das Atout der Wiener Börse, die Osteuropa-Fantasie diesmal nachteilig ausgewirkt, die starken Rückgänge in Osteuropa hätten auch Wien mitgezogen, sagte der OeKB-Manager. Vier Fünftel der ATX-Unternehmen seien ja auch in irgendeiner Form im Osten engagiert. Und schließlich seien kleinere Börseplätze bei internationalen Korrekturen von vornherein stärker exponiert.

Mehr Unternehmen an die Börse

Es müssten daher mehr Unternehmen an die Wiener Börse, um die Dominanz der großen Unternehmen bei Börsekapitalisierung und im ATX auszubalancieren, forderte Attems sinngemäß. Um Unternehmen mit der entsprechenden Größenordnung für die Börse überhaupt entstehen zu lassen, müsse schon die Risikokapitalfinanzierung für Jungunternehmen besser funktionieren. "Hier gibt es in Österreich ein großes Defizit", sagte Attems im Klub der Wirtschaftspublizisten. "Ohne Unterstützung von Freunden und Familie unternehmerisch tätig zu werden, ist in Österreich nur schwer möglich."

Bessere gesetzliche Rahmenbedingungen seien von Nöten. Die Niederlande und Finnland seien bei der Entwicklung des Venture Kapitalmarkts erfolgreich gewesen, man solle sich die dortigen Maßnahmen ansehen. Und österreichische institutionelle Investoren sollten prüfen, wieweit eine Veranlagung in Risikokapitalgesellschaften mit ihren Richtlinien vereinbar sei. (APA)

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    "Was mich überrascht hat, war die sehr starke und rasche Reaktion der internationalen Player auf die Pläne von OMV und Verbund, vielleicht weil es keine vergleichbaren Beispiele für ein solches Zusammengehen gab," sagt Attems.

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