Gewalt in der VIP-Zone

1. Juni 2006, 16:28
19 Postings

Die Schwarzhaarige im Lederkostüm riss die Blonde im Chaneloutfit immer wieder von hinten an den Haaren

Die Chanelfrau hatte keine Chance: Im Gewühl riss die Dame im Lederkostüm immer wieder grob an ihren Haaren. Niemand sah es. Oder wollte es sehen.

Es war am Dienstag. Bei ebenjenem Event, bei dem K. mir seinen Kummer mit den Handys seiner Bekannten gestanden hatte. Und als dann die Dame im sauteuren schwarzen Lederkostümchen der Dame im Chaneloutfit von hinten in die Haare fuhr, waren wir zunächst entsetzt. Aber dann doch auch beruhigt.

Die beiden Frauen mochten einander nicht sehr. Und es war offenkundig, dass es nicht geplant gewesen war, sie aufeinander treffen zu lassen. Nur war an diesem (Ländermatch-)Tag halt nix anderes los. Gesellschaftstechnisch. Abgesehen von einer Möbelhauseröffnung. Und so war alles, was der Nationalmannschaft nicht beim Scheitern zusehen wollte, in die kleine Bar im siebten Bezirk gekommen.

Handgreiflich
Im Gedränge konnte die Schwarzhaarige im schwarzen knappen Lederkostüm dann dezent handgreiflich werden. Sie war mit einem Mann gekommen. Einem nicht unbekannten Anwalt. Aber blöderweise hatte sich auch eine Vorgängerin der Schwarzhaarigen hierher verlaufen. Blond. In einem chanelartigen Jackerl.

Irgendwann, die Veranstaltung hatte noch nicht einmal begonnen, war der Anwalt dann verschwunden. Nicht, dass H. (der Mann von der Apa), K. (der aus der Gelddusche) und ich darauf geachtet hätten, ­ aber die Schwarzhaarige stand plötzlich zwischen uns und fauchte (in einem so gar nicht der Szene entsprechenden Idiom) dass "er deinetwegen gegangen ist, du dreckige Fotze". Da sie damit eher schwer uns meinen konnte, sahen wir uns um ­ und sahen den Hinterkopf der Blonden. Die versuchte offenbar im Gewühl abzutauchen. Der erste Teil des Gewühls waren wir drei.

Proletenverbot

Aber in dieser Szene ist man darin geübt, sich durch Menschenmengen zu drängeln. Und so war die Lederfrau sofort zwischen uns – und fauchte weiter: "Schleich dich. Für Proleten wie Dich ist hier kein Platz". Und dabei riss sie die Blonde immer wieder von hinten an den Haaren. Ziemlich fest, wie uns schien – aber trotzdem so unauffällig, dass es sogar uns zuerst gar nicht auffiel.

Die Blonde zuckte zusammen und drehte sich um. Fast sah es aus, als würde sie der Schwarzen gleich eine betonieren. Blöder- oder guterweise schwenkte da aber eine TV-Kamera zu uns herüber: Spot an! Die Frauen rissen sich zusammen – und ihre Mienen nahmen schlagartig jenen Ausdruck an, den ich bis dahin immer für ein Botox-Grinsen gehalten hatte. Aber dann hätten sie eigentlich nicht wütend schauen können dürfen.

Fluchtversuch

Die Kamera schwenkte weiter, die Gesichter wurden wieder echt. Aber die Blonde hatte beschlossen zu fliehen. Verfolgt von der Lederkostümfrau, die immer wieder von hinten in ihre Haare griff ­ und zwar reichlich geschickt: Nicht direkt von oben drauf, sondern unten, am Rücken entlang in die Matte hinein: Wer nicht knapp daneben stand und sehr genau hinsah, merkte nichts davon. Kurze Zeit später kam die schwarzhaarige Frau zurück. Triumphierend lächelnd. Die blonde Dame stand – ziemlich außer sich – beim Eingang. Mit dem Rücken zur Wand zwischen zwei Securities. Sie sagte nichts, presste die Lippen zusammen und holte sich eine Zigarette aus der Tasche

Gleichmacher

Wir brauchten ein paar Minuten, um das Puzzle zu rekonstruieren. Außer uns hatte das alles auch niemand mit bekommen. Oder mitbekommen wollen. Und genau das, meinte H. dann, sei eigentlich wunderschön. Weil es immer wieder schön sei, in kleinen Szenen regelmäßig den Beweis geliefert zu bekommen. Den, dass die so genannten besseren Kreise um gar nix besser sind, als die, die vor der Absperrung ehrfurchtsvoll standen und gafften. Nur würden, waren wir uns einig, in einer angeblich "tiafen" Szene, derartige Konflikte offener ausgetragen. Nicht, dass wir das an sich für positiv hielten – aber ehrlicher ist es halt allemal.

  • Jeweils montags, mittwochs und freitags erscheint eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Jeweils montags, mittwochs und freitags erscheint eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.