Ein Leben mit Sigurd, Falk und Elvis

8. Jänner 2007, 16:41
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Erwin Hutterer hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Seit 25 Jahren betreibt er den ältesten Comic-Laden Österreichs.

Wien - Wer kein ausgewiesener Kenner ist, kann schon einige Minuten brauchen, um sich in Erwin Hutterers farbsprühendem Comic-Universum zu akklimatisieren: "Zigtausende" Hefte, Bücher und Alben türmen sich in Regalen, Kisten und auf Tischen sozusagen bis an die Decke, von der ein Spiderman in Lebensgröße neben einem überdimensionalen Star Wars-Raumschiff schwebt und über den Laden wacht. Von 100 Quadratmetern Geschäftsfläche ist nur ein Bruchteil nicht vollgeräumt.

Wer sich aber an prominent platzierten Figuren, Stofftieren, japanischen Manga- und Superheldencomics vorbeigeschlängelt hat, auf den wartet im hinteren Teil, gleich nach der pornographischen Abteilung, die wahre Spezialität und der ganze Stolz von Erwin Hutterer: Das durch eine Holztheke dezent abgetrennte Antiquariat. Dort reihen sich in nach Jahreszahlen geordneten Kartonschachteln die wichtigsten deutschsprachigen Comic-Serien, von Micky Maus über Prinz Eisenherz bis zu Fix und Foxi. Und, in Griffhöhe, die schmalen, querformatigen Piccolo-Hefte aus der Hand von Hansrudi Wäscher: Nick, der Weltraumfahrer, Tarzan, Sigurd, Falk, Akim.

Mit diesen heute ziemlich vergilbten Heftln hat nämlich alles begonnen. Anno 1957 hat die "sehr nette Oma" selbige dem kleinen Erwin mit nach Hause gebracht - sie hat sie auch selbst verschlungen - und so dem Enkerl schnell zu einer ansehnlichen Sammlung verholfen.

Platten statt Bilder

Bis dieser in die Pubertät kam und in einem abrupten Interessenswandel seine Hefte "gegen andere wichtige Dinge wie Schallplatten" eintauschte. Damals, mit zwölf, machte Hutterer sein bis heute schlechtestes Geschäft, als er seine komplette, 324 Piccolos umfassende Sigurd-Sammlung gegen einen schlichten Lederfußball eintauschte. Da konnte er noch nicht wissen, dass die Sammlung eines Tages einen Wert von cirka 15.000 Euro erreichen würde.

Doch die Comic-Leidenschaft wurde einige Jahre später auf einem Flohmarkt dem Dornröschenschlaf entrissen - und wuchs sich binnen kürzester Zeit derartig aus, dass man ein ganzes Geschäft mit der neu erstandenen Kindheitslektüre füllen konnte.

Das war 1981, als in Wien noch kein Comicladen gesehen ward und sich die Freaks noch auf diversen Tauschbörsen herumtreiben mussten. - Hutterer war am Puls der Zeit und hatte anfangs sogar Schwierigkeiten, den Durst nach Bildliteratur mit genügend Nachschub zu löschen.

Neues, buntes Leben
Damit konnte er endlich seinen Job als Fernseher-Vertreter an den Nagel hängen und sich gemeinsam mit seiner Frau, die ihn mit ihrem kaufmännischen Talent tatkräftig unterstützte, ganz dem ersten Geschäft widmen. Der Laden befindet sich seit 1987 in der Landstraßer Hauptstraße. Weitere Filialen sollten folgen: Seit 1993 werden in der SCS Comics aus aller Welt verkauft, 1996 eröffnete der Shop in der Rotenturmstraße in der Inneren Stadt. Hutterer selbst blieb der ersten Adresse treu, wo sich übrigens auch die altbekannte Stammkundschaft einfindet.

"Das Antiquariat ist nicht mehr das Haupt-, aber das liebste Geschäft", räumt Hutterer ein, auf dessen rundum strahlenden Gesicht ein Anflug von Wehmut nur dann aufzukommen scheint, wenn er an die verblichenen Größen des Comics denkt: Zum Beispiel als er von dem "Privileg" erzählt, Carl Barks (bekanntester und begnadetster Zeichner der Familie Duck) persönlich getroffen zu haben. "Mit 91 Jahren war er trotz der damals unerträglichen Hitze einfach dick da."

Micky brach das Eis
"Ohne Micky Maus gäbe es keine Sammlerszene," weiß Hutterer und präsentiert stolz eine 1951 erschienene erste deutsche Originalausgabe, die - je nach Zustand - bis zu 7500 Euro wert ist. "Die breite Masse der Hefte ist mit Preisen zwischen fünf und zehn Euro aber sehr erschwinglich," betont Hutterer.

Die Maus aus dem Hause Disney war es auch, die die lange Zeit als kinderverderbender Schmutz und Schund verschrienen Comics salonfähig machte. In den moralinsauren 1950er-Jahren wurden Comics, die in groß angelegten Aktionen gegen "wertvolle" Bücher eingetauscht worden waren, noch von den besorgten Jugendschützern haufenweise verbrannt. "Ich hab nix hergegeben," erinnert sich Hutterer, der überzeugt ist, dass "heute kein Comic-Leser mehr schief angeschaut wird." Vielmehr schmücken Carl Barks-Lithographien die Büros von Politikern und Managern, die "genauso wie Straßenkehrer" zu Hutterers Kunden zählen - und nicht nur Grünen-Chef Alexander van der Bellen steht dazu.

Neue Umsatzbringer
Seinen Hauptumsatz macht der zweifache Vater und dreifache Opa aber nicht mit Raritäten oder "anspruchsvollen" Alben etwa aus dem franko-belgischen Raum, sondern mit japanischen Manga sowie mit Card Games und Figuren.

Und was macht der Fußball-Fan und Che Guevara-Verehrer in seiner Freizeit? "Ich sammle Platten von Elvis, den Beatles und den Stones - ich bin halt verspielt." (Karin Krichmayr; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

Erwin Hutterer hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Seit 25 Jahren betreibt er den ältesten Comicladen Österreichs - ein Geschäft, in dem es noch Abenteuer-Hefte im Piccolo-Format gibt. Comic ist salonfähig geworden, meint er.
  • Erwin Hutterer in seinem Reich im dritten Wiener Gemeindebezirk: die Freude der Oma an gezeichneten Abenteuern brachte ihn zur Comic-Leidenschaft, er sperrte das erste, echte Fachgeschäft in Wien auf und führt es noch immer.
    foto: andy urban

    Erwin Hutterer in seinem Reich im dritten Wiener Gemeindebezirk: die Freude der Oma an gezeichneten Abenteuern brachte ihn zur Comic-Leidenschaft, er sperrte das erste, echte Fachgeschäft in Wien auf und führt es noch immer.

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