Seibersdorf-Reform wieder Zankapfel

28. Juni 2006, 11:02
3 Postings

Kaum begonnen, sorgt der neuerliche Umbau des Austrian Research Centers in Seibersdorf bereits für Auseinandersetzungen

Wien - Kaum ist der Trubel um die Bestellung des zweiten Geschäftsführers Hans Rinnhofer vorbei, braut sich über dem Forschungszentrum Seibersdorf neuerlich eine Schlechtwetterfront zusammen. Diesmal geht es ans Eingemachte: den Rückbau der vor vier Jahren in eine Holding mit Subgesellschaften aufgesplitterten Austrian Research Centers (ARC) in ein großes Forschungszentrum.

Um diese Fusion, die bis September auf Schiene sein soll, wird nun ordentlich gestritten. Der Grund: Die erst vor vier Jahren installierten Geschäftsführer von ARC-Töchtern wie Seibersdorf Research, Business Services und Systemforschung verlieren ihre Chefposten und werden, was ihre Kompetenzen betrifft, auf das Niveau von Abteilungsleitern zurückgestutzt, manche gar nicht mehr gebraucht. Vor diesem Hintergrund ist nun ein Verteilungskampf ausgebrochen.

Zusätzlich erschwert wird die ohnehin komplizierte Aufgabe dadurch, dass bei der künftigen Ausrichtung just Helmut Krünes die Fäden zieht - der scheidende kaufmännische ARC-Geschäftsführer, dessen Mandat bis September monatlich verlängert werden muss.

Zank um Strategie

Eingebettet ist all das in eine tief gehende Auseinandersetzung um die zukünftige Ausrichtung von Österreichs größter außeruniversitärer Forschungseinrichtung: Die mit Mehrheitseigentümer Infrastrukturministerium (50,46 Prozent) auf Tuchfühlung agierende Gruppe rund um Ex-FPÖ-Verteidigungsminister Krünes und Ex-FPÖ-Wissenschaftssprecher Martin Graf (der auch Rinnhofer zugezählt wird) drängt auf einen Umbau nach Themenbereichen. Ein solcher würde allerdings die vom wissenschaftlichen Geschäftsführer Erich Gornik entwickelte Strategie konterkarieren, die beide ARC-Gesellschafter, also auch das Industriekonsortium 2003, beschlossen haben, fürchten Mitarbeiter des Infrastrukturministeriums.

Diese Strategie baut, wie berichtet, auf den vier Themen Informationstechnologie, Embedded Systems, Life-Science und Systemforschung auf, die mit den Kompetenzfeldern Lebenswissenschaften, Biogenetik, Intelligente Systeme, Neue Werkstoffe, Medizintechnik, Medizinische Physik, Nano-Systemtechnologien und Intelligente Medientechnologien zu Clustern formiert wurden.

Darüber hinaus wurden die rund hundert Forschungsthemen auf etwa 20 Schwerpunkte eingedampft und in acht Kompetenzfelder gegliedert. Um nicht allein auf die IT angewiesen zu sein, sollten die ARC am Ende der Reise auf vier etwa gleich dicken Säulen stehen, die, eng vernetzt, um das zentrale Kernthema IT herum gruppiert wurden. "Wird nun die IT wieder herausgerissen und als eigenständiges Profitcenter aufgestellt, bricht die ganze Strategie zusammen, die gerade erst zu greifen beginnt", warnt man im Industriekonsortium.

Das hätte weit reichende Konsequenzen, wurden für die Forschungsoffensive doch 200 neue Mitarbeiter, hauptsächlich Wissenschafter, aufgenommen. Ein Teil von ihnen würde bei einer Strategieänderung wohl überflüssig. Neben dem finanziellen wäre auch der Imageschaden enorm. "Das wäre eine Katastrophe", sagen hochrangige Seibersdorf-Mitarbeiter.

Der wissenschaftliche Geschäftsführer Erich Gornik wollte dazu keine Stellungnahme abgeben. Er ließ dem STANDARD ausrichten, dass er eine laufende Diskussion nicht kommentiere.

Die von den Wissenschaftern mehrheitlich bekämpfte Aufteilung auf vier große Bereiche hätte freilich einen großen Vorteil: Sie erlaubt mehr Kontrolle als die Cluster, weil die Abrechnungskreise geschlossen sind - und natürlich den vollen Durchgriff der Geschäftsführung.

Streit um Finanzprokuristen

Ordentlich gestritten wird auch um Fraunhofer-Manager Peter Euringer, der die Ausschreibung für die Funktion des Finanzprokuristen für sich entschieden hat und der für den designierten Geschäftsführer Rinnhofer die Finanzagenden führen soll. Der bestens qualifizierte Euringer solle dazu gebracht werden, seine Kandidatur zurückziehen, verlautet aus Seibersdorf-Kreisen - um einem Kandidaten des Ministeriums Platz zu machen, wie es heißt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.