Schafe scheren und Kurse destabilisieren

30. Juli 2006, 19:38
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Kleines Organon des Finanzkapitalismus, Teil II - Von Stephan Schulmeister

Um den Derivathandel derart zu intensivieren, dass er mittlerweile, wie in Teil 1 im Detail ausgeführt, das 40fache des BIP der Industrieländer ausmacht, bedarf es natürlich bestimmter Akteure und Techniken. Folgendes ist geschehen:

Erstens: Die Vernetzung von Tradern und Börsen durch das Internet hat den Handel enorm beschleunigt. Gleichzeitig werden immer mehr computergesteuerte Spekulationssysteme verwendet (z. B. vom "Superfund"). Diese verarbeiten auch sehr "schnelle" Daten (etwa im Minuten-Takt).

Zweitens: Seit den frühen 1980er-Jahren haben (große) Unternehmen in stetig wachsendem Ausmaß versucht, ihr Vermögen durch Finanzveranlagung und -spekulation zu vermehren.

Drittens: Diese Entwicklung hat den Aktivitätsfokus der Banken nachhaltig verschoben. Investitionsfinanzierung, aber auch das (Klein)Kundengeschäft verlieren an Bedeutung, zur wichtigsten Profitquelle werden "trading" und "asset management".

Viertens: Die Zahl der Hedge-Funds und ihr "capital under management" explodierten förmlich. Die meisten Funds spezialisieren sich auf das computergesteuerte Ausnützen extrem kurzfristiger Kursschübe ("Trend-followers"). Im Vergleich zu diesen Funds ist die Zahl der "Heuschrecken" gering.

Fünftens: Die Zahl der Amateurspekulanten geht weltweit in die Millionen. Dies lässt sich aus den Auflagen der Spekulationsmagazine sowie der enormen Vielfalt "einschlägiger" Websites schließen. Auch bieten alle Banken ihren Privatkunden die Durchführung von Derivatgeschäften an und veranstalten Seminare zur Spekulationsweiterbildung.

Profis gewinnen, Amateure verlieren

Was sind die wichtigsten Strategien im Handel mit Finanzderivaten und Devisen?

Professionelle Trader basieren ihre Entscheidungen auf die Interpretation neuer Informationen ("news"), auf das "Ausreiten" von Trends ("trend-followers") oder auf den Wechsel in der Trendrichtung ("contrarian trading"). Im ersten Fall geht es darum, in Sekunden abzuschätzen, wie die anderen Marktteilnehmer auf eine Nachricht reagieren werden, die auf den Bildschirmen erscheint.

Wer sind die Gewinner und Verlierer im Derivathandel?

Die Banken und Hedge-Funds machen Gewinne, zwar nicht jede(r) einzelne, wohl aber in ihrer Gesamtheit. Die beiden profitabelsten Banken, Goldman Sachs und Deutsche Bank, meldeten für das erste Quartal 2006 Zuwächse der "trading profits" um etwa 50 Prozent.

Für das gesamte Jahr 2006 darf Goldman Sachs zumindest 25 Milliarden und die Deutsche Bank 20 Milliarden US-Dollar an Handelsgewinnen erwarten.

Da der Derivathandel ein Nullsummenspiel darstellt und die Profis in ihrer Gesamtheit gewinnen, müssen die Amateurspekulanten in ihrer Gesamtheit die Verlierer sein. Ins Bild gesetzt: Relativ wenige Hirten führen viele Schafe auf die Weide, dort werden sie geschoren, sei es von Banken oder Hedge Funds.

Einzelne Schafe mögen tüchtig sein und andere scheren, als Herde aber müssen sie Federn lassen. So entsprechen den Gewinnen von vielleicht 20.000 Banken und Hedge-Funds die Verluste von Millionen Schafen, pro Schaf sind sie klein und können verkraftet werden. Riesenschafe mit "Spieleinsätzen" von Profis, aber einem Spielverhalten von Amateuren, kommen selten vor (Barings, Bawag, Hypo-Alpe-Adria). Zwar sind sie Leckerbissen, aber untypisch für den Betrieb.

Die Umverteilung von den Amateuren zu den Profis zeigt sich indirekt auch an deren Einkommen: Bei Goldman Sachs beträgt die durchschnittliche Lohnsumme aller 24.000 Beschäftigten 520.000 Dollar pro Jahr. Über diese Zahl sollte man nachdenken.

Wenn die Amateure in ihrer Gesamtheit die Verlierer sind, warum ziehen sich die geschorenen Schafe nicht zurück und dämpfen so das Geschäftsvolumen?

Das Schweigen der Lämmer

Der wichtigste Grund besteht in der asymmetrischen Information über Gewinne und Verluste. Die Spekulationsmagazine sind voll von Artikeln "How I made a million", und im Bekanntenkreis berichtet man stolz, wenn man eingecasht hat. Artikel über "How I lost a million" fehlen, und wer mit Optionsscheinen 5000 Euro verspielt hat, behält es für sich. Ein solcher Verlust ließe einen dumm erscheinen, anders als bei Glücksspielverlusten. Denn im Finanzkasino ist die Kugel nicht exakt rund.

Fazit: Die Kunde von den Gewinnen und das Schweigen der Lämmer über ihre Verluste führen den Märkten stetig "frisches Blut" zu. Einzelne Verlierer lernen zwar das Richtige und ziehen sich zurück, der Zustrom an Eleven ist aber größer.

Viel wichtiger als die Umverteilung von der gehobenen Mittelklasse zu den Spitzenverdienern sind aber zwei andere Effekte:

Die Spekulation auf den Derivatmärkten und im Devisenhandel destabilisiert Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktienkurse und Zinssätze; dies dämpft die Realinvestitionen der (großen) Unternehmen, das Wirtschaftswachstum sinkt, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung steigen.

Auf welche Weise destabilisiert der Handel mit Derivaten diese Preise?

Unterschiedliche Spieler benützen unterschiedliche Spekulationssysteme, angewendet auf unterschiedlichen Zeitskalen (von 10-Sekunden-Kursen bis zu Tageskursen). Die Konzentration von Kaufsignalen von "news-based traders" am Beginn eines Aufwärtstrends, gefolgt von Kauforders der "trend-followers" verstärkt und verlängert den Trend, die Amateure springen mit Verspätung auf. Hat der Trend an Dynamik verloren, so lassen ihn die Verkaufssignale der "contrarians" kippen. Kursschüben auf Basis von Minuten-, Stunden- und Tagesdaten akkumulieren sich zu mehrjährigen Trends nach oben und unten ("bull markets" und "bear markets").

Entscheidend für die destabilisierende Wirkung von Spekulation ist folgende Tatsache: Trader bilden aufgrund der "fundamentals" (die relevanten Faktoren laut ökonomischer Theorie) lediglich Erwartungen über die Bewegungsrichtung von Kursen, nicht aber über ihr Gleichgewichtsniveau.

So wird ein Händler bei einer überraschenden Dollarzinssenkung blitzartig auf eine Euroaufwertung setzen ("Richtungserwartung") statt das neue "Fundamentalgleichgewicht" des Euro-Dollar-Kurses zu quantifizieren. Die in der Praxis verwendeten Spekulationssysteme folgen der gleichen Logik.

Gleichzeitig trägt die Verwendung dieser Systeme dazu bei, dass Aktienkurse, Rohstoffpreise und Wechselkurse in mehrjährigen "bull markets" und "bear markets" ihre theoretischen Gleichgewichtsniveaus nach oben und unten "überschießen". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

Zur Person

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien

Nachlese

Kleines Organon des Finanzkapitalismus (I)
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