Wer hat die Hunde rausgelassen?

16. Oktober 2006, 12:35
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Vierbeiner haben mehr verdient als Leine und Fressnapf, glaubt zumindest der Mensch. Und beschenkt den Hund mit Sofas, Pepita-Jäckchen und einigem mehr

Merry McKeig ist ein Mops. Sie hat sämtliche Attitüden einer Prinzessin, hunderte Mäntelchen in ihrem Kleiderkasten, mag teure Halsketten und schmaust stets nur die allerfeinsten Leckerbissen. Dass sie ein bisschen dick ist, krumme Beine hat und beim Atmen durch die verknautschte Nase schnarcht, gilt als entzückend. Merry ist natürlich reinrassig und außerdem prominentes Fotomodell auf pampered puppys.com, dem Reich, in dem verwöhnte Hunde und ihre Besitzer nicht nur 6500 wirklich teure Produkte kaufen können, sondern darüber hinaus auch alles über den neuesten Hundeluxus erfahren.

Der letzte Schrei? Gesichtsmassage und Reiki-Behandlungen ab 30 Dollar pro Viertelstunde in New Yorks schickstem Hundehotel "Ritzy Canine", das eigens dafür ein "Dog Spa" eingerichtet hat und auch Suiten um 170 Dollar pro Übernachtung anbietet. Todschick sind auch die wind- schützenden Baseball-Kappen für Terrier, ein Hundekuchen-Katapult für wurfschwache Frauerln oder ein Reise-Set für Hunde, ein Köfferchen, das zum Transport der süßen Köter und seiner Spielsachen genauso wie als Bettchen für unterwegs geeignet ist.

Anna Wintour, die mächtige Chefin der amerikanischen Vogue, hat es schon vor Jahren gewusst: Hunde sind für urbane Stadtmenschen ein modisches Accessoire, und seit Gucci und Burberry dafür Verständnis entwickelt haben, ist Partnerlook - Hund und Frauerl tragen Mäntel und Sweatshirts aus denselben Stoffen - nur mehr eine Frage des Geldes. Hunde-Neurotiker schätzen Louis Vuittons Tragtaschen seit Jahren, jetzt ist sogar die New Yorker Taschen-Designerin Kate Spate aufgesprungen und entwirft alles, was der Hund so braucht. Und so kommt es, dass Paris Hilton, Britney Spears oder Reese Witherspoon mit ihren Wauwaus, was Outfit und Accessoires betrifft, um die Wette eifern. Während auf unseren Straßen Dackel noch Selbstgehäkeltes tragen müssen, ist man in New York, dem Mekka des Hundekults, einen bedeutenden Schritt weiter.

Image eingebüßt

Doch auch hier zu Lande haben die Vierbeiner in Großstädten ihr Image als Jagd-oder Wachhund zweifellos eingebüßt. Hunde sind für Emotionen da. "Der Trend zu immer mehr ,Double income, no kids'-Haushalten und die wachsende Zahl gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind für unseren geschäftlichen Erfolg maßgeblich", erklärt Bobby Wise, Gründer von George Design, einem der ältesten Hundeluxusartikelhersteller mit Sitz in San Francisco. Wise und sein Freund Lyndon Lambert lernten ihr Design-Handwerk ursprünglich mithilfe ihres Vierbeiners George, der sie tagtäglich zu neuen Ideen inspirierte.

Wesentlich konzeptioneller geht man mit dem Begriff Design hingegen auf postmodernpets um. Plüsch und Kitsch sind verpönt, hier wird zur Schau gestellt, was namhafte Designer für Vierbeiner entworfen haben. Wenn etwa Philipp Plein ein Bett für Hunde macht, sieht es aus wie die Miniatur eines Sitzmöbels von Mies van der Rohe; Michael Youngs Plastik-Hundehütten sind Pop-Art pur im Tupperware-Flair; und der Knochen, den Karim Rashid für Vierbeiner entworfen hat, hat sogar vier statt der üblichen zwei Enden.

Ob Hundebesitzern derartige Extravaganz gefällt? Glaubt man den Hundehüttendesignern Michelle Pollak und Alan Mowrer, so mag es zumindest die amerikanische Klientel doch eher verspielt. Einmal ganz abgesehen davon, dass Aircondition und edle Materialien ein absolutes Muss sind, ist den beiden "Häuslbauern" noch etwas anderes aufgefallen: "Viele unserer Kunden wollen, dass ihre Hunde auch in ihr Haus passen, das heißt: Ein französischer Pudel bekommt ein französisches Chalet, wer einen Chihuahua hat, wünscht sich meistens auch Hundehütten im mexikanischen Stil", wissen sie und erzählen, dass sie für einen Bernhardiner unlängst sogar eine Almhütte mit original Schweizer Flagge oben drauf errichtet haben.

Petrosexuelle Hunde

Darauf werden die 640.000 Hunde, die es in Österreich derzeit gibt, wahrscheinlich noch längere Zeit warten müssen. Dass man auch hier zu Lande durchaus bereit ist, Geld für die treuen Gefährten auszugeben, ist allerdings eine Tatsache. So hat das Wiener Institut für interdisziplinäre Mensch-Tier-Beziehungen ermittelt, dass jährlich 680 Millionen Euro in die Hundehaltung und -pflege fließen. Die Linzer Online-Plattform ilovemydog ist für sie einstweilen die ergiebigste Anlaufstelle. "Die Ära der petrosexuellen Hunde hat gerade erst begonnen", ist Tara Leon, Exmodel und Gründerin des Hundeluxuslabels Ready-to-Wag überzeugt. Sie will ihre jahrelange Erfahrung im Mode-Business nutzen und Firmen wie Escada, Converse oder Tommy Hilfiger in ihr Boot holen.

Leon, selbst Besitzerin eines Zwergspitzes und - nach eigener Aussage - auch mit vielen anderen Hunden befreundet, hat sogar eine eigene Fashion-Linie für Whippets kreiert; die fragilen, schlanken Windhunde hätten im Winter warme Mäntel und pelzgefütterte Halsbänder tatsächlich dringend nötig, meint sie.

Bedürfnisse der Vierbeiner zu erkennen, ist eines, der schicke Rest Budgetfrage. Gassigehen als Modeschau? Wer's mag? (Karin Pollack/Der Standard/rondo/26/05/2006)

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    foto: i love my dog
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