Mirjam Pressler: "Wenn das Glück kommt"

22. Juni 2006, 15:20
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"... muss man ihm einen Stuhl hinstellen" - Einfühlungsvermögen in die komplizierte Seelenlage von Kindern

Der bittersüße Marzipanduft von Pelikanol, das eklige Braun von eingebrannter Griessuppe, die Schwere einer mit Münzen prallvollen Sammelbüchse des Müttergenesungswerks, die Wut über einen gerissenen Schnürsenkel - es sind Bilder der frühen Fünfzigerjahre, die Miriam Presslers Geschichte von Halinka, die trotz aller schlechten Erfahrungen dem Glück dann doch einen Stuhl hinstellt, wachruft.

Möglich, dass solche Gerüche, Farben, Klänge Jugendlichen von heute fremd sind; die Gefühle, um die es in dieser merkwürdigen Woche im Leben eines zwölfjährigen Heimkinds geht, sind Verlassenheit, Eifersucht, verletzter Stolz, Wut, Hass, Sehnsucht nach Zärtlichkeit und gleichzeitig ängstliche Abwehr jeder Zärtlichkeit. Um das tiefe Misstrauen eines verlassenen Kindes geht es in dem Roman; ums Sich-behaupten in einer Welt, die nicht freundlich ist zu Kindern, in der man kämpfen muss, um nicht unterzugehen, und mit Zuneigung oder Hoffnung geizig haushält, damit man am Ende nicht reinfällt. Weshalb Halinka auch Distanz hält zu Renate, die nachts im Schlafsaal so oft vor sich hinweint. Denn "was nützt eine Freundin, die nicht stark ist" im Heim, wo nur der Starke Recht hat. O ja, sie kennt sich aus, diese Zwölfjährige, und sie ist so wenig gut wie ihre Welt.

Authentizität rühmten die Kritiker an den Romanen Presslers, mit mehr als 30 Büchern eine der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Authentisch ist sie, weil sie Fantasie und Einfühlungsvermögen in die komplizierte Seelenlage von Kindern hat.

Es sind Geschichten von Außenseitern wie Halinka, die ins Heim kommt wegen "Verwahrlosung". Verwahrlosung ist ein Wort, das sie hasst und dem sie fremde Wunderworte wie Orchidee oder karminrot entgegensetzt und dann enttäuscht feststellt, dass Orchideen nicht rot, sondern weiß sind.

Aber Kinder (nicht nur Kinder) haben ein Recht darauf, dass die Welt in Ordnung gebracht wird; dass also auch eine Geschichte, die in einem Heim für vernachlässigte Kinder spielt, gut ausgeht. Nein, es geschehen keine großen Wunder, und Halinkas Tante wird ihre Nichte nicht zu sich holen können. Aber die Frau mit dem Kind an der Hand wird ein Zweimarkstück in Halinkas Sammelbüchse werfen, und die Verkäuferin im Metzgerladen wird ihr eine dicke Scheibe Wurst schenken, und Geld, das sie geklaut hat, wird reichen für eine Fahrkarte zu Tante Lou, auch noch für eine Freundin. Denn am Ende dieser Woche wird Halinka gelernt haben, Gefühle zuzulassen, und eine Freundin gewinnen, auch wenn die "schwach ist und zu nichts nutz". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

Von Elisabeth Bauschmid
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