"Ich werde nicht ohnmächtig"

25. Mai 2006, 18:49
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OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher erzählt, wie er als "Stabilisator" die Bawag-Krise erlebte und wieso er nicht verrät, wie Gewerkschafter mit runtergelassenen Hosen aussehen

STANDARD: Es scheint, als wäre die Bawag gerettet. Sie als Notenbank-Chef hatten die Rolle, jene Banken und Versicherer weich zu streicheln, die 450 Millionen Euro springen lassen müssen. Ihre Premiere?

Liebscher: Vor vielen Jahren, als ich noch bei Raiffeisen war, gab es etwas Ähnliches, da kam die Bank Rössler in Probleme. Die Dimension bei der Bawag ist aber natürlich ganz eine andere. Damals hatten wir rund um Weihnachten intensive Gespräche, ich war ich auf der Seite des potenziellen Käufers. Diesmal war ich Interessent im Interesse der Stabilität des Finanzmarktes.

STANDARD: Wie haben Sie die Tage rund um den 1. Mai, als die Regierung das Rettungspaket schnürte, erlebt?

Liebscher: Ich wurde vor der finalen Entscheidung von der Regierung eingebunden, als die Sache zu eskalieren begann. Ich habe mich als stabilisierenden Faktor gesehen. Nachdem klar war, dass die Bawag über die Haftung der Republik eine Bilanz für 2005 erstellen wird können, war es meine Absicht, eine zusätzliche Eigenmittelstärkung für die Bawag herzustellen.

STANDARD: Es war also gar nicht die Regierung, die die Banken dazu verdonnert hat?

Liebscher: Die Idee für das 450-Millionen-Paket, diesen zusätzlichen Eigenmittelpolster, stammt aus meinem Haus. Ich fand, dass wir zusätzlich einen nationalen Schulterschluss planen sollten - weil es ja ein gemeinsames Interesse an der Finanzmarktstabilität geben muss. Das wurde von der Regierung nachdrücklich unterstützt. Wir als Notenbank hatten zusätzlich erklärt, dass wir Liquiditätshilfe geben, wenn es erforderlich ist. Gott sei Dank wurde das nicht nötig, aber wir standen ständig Gewehr bei Fuß.

STANDARD: Die Banker sind nur mäßig begeistert, dass sie die Konkurrenz aufpäppeln sollen.

Liebscher: Klar, die Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber an jenem 1.-Mai-Abend, an dem das in den Grundzügen zwischen Regierung und Managern besprochen wurde, sind alle im Verständnis weggegangen, dass dieses zusätzliche Hilfspaket geschnürt wird. Danach haben wir die Details besprochen, ich habe mich dafür zwei Tage lang an die Front geworfen. Ich hatte nie den Eindruck, dass da gar nichts geht.

STANDARD: Wie ist es Ihnen da gegangen? Ein Banker hat mir seine Befindlichkeit so beschrieben: "Ich wurde fast ohnmächtig, als mir die Lage der Bank klar wurde." Sie auch?

Liebscher: Ich werde nicht ohnmächtig. Das entspricht nicht meinem Naturell.

STANDARD: Was werden Sie?

Liebscher: Sehr ruhig und konstruktiv. Dass die Situation sehr schwierig ist, war rasch klar, da hilft nur, wenn man ruhig Blut und einen klaren Kopf bewahrt. Und privat gesprochen: Ich war fast rund um die Uhr beschäftigt, mein Schlafbedarf war groß, meine Schlafmöglichkeit klein. Es ist eine interessante Erfahrung - aber ich möchte sie nicht immer machen.

STANDARD: Hätten Sie sich all das, was bei der Bawag geschehen ist, je vorstellen können?

Liebscher: Nein.

STANDARD: Wie viele Meter war die Bank vom Abgrund weg?

Liebscher: Ich würde es nicht wie Sie formulieren. Die Bawag ist ein solventes Unternehmen. Sie wäre aber, wegen des US-Vergleichs, unter die gesetzliche Eigenmittelgrenze gesunken. Das hätte größte Probleme für Refinanzierung und Reputation bedeutet. Und die Bawag hätte keine Bilanz erstellen können, das ist schlimm. Oder eine Bilanz mit Fehlbeträgen, das ist genauso schlimm. Das galt es zu verhindern.

STANDARD: Jetzt hat der schwarze Bundeskanzler die rote Arbeiterbank gerettet. Gut für den ÖVP-Wahlkampf, oder?

Liebscher: Niemand hat sich den Zeitpunkt ausgesucht. Refco ist im vorigen Herbst explodiert, die Folgen wären sowieso eingetreten. Dass das in ein Wahljahr fällt - das ist ein Zufall.

STANDARD: Sie hatten am Dienstag einen Termin, um den ich Sie sehr beneide: Die OeNB hat Einsicht in die ÖGB-Finanzen, inklusive Streikfonds, genommen. Wie sehen denn Gewerkschafter mit runtergelassenen Hosen aus, wenn ich so salopp formulieren darf?

Liebscher: Bei aller Wertschätzung: Ich werde dazu keinen Kommentar abgeben. Ich empfinde es als persönlichen Vertrauensbeweis des ÖGB, dass ich das prüfen soll.

STANDARD: Ein historischer Augenblick, eine Demütigung für die Gewerkschaftsbewegung?

Liebscher: Das ist ein historischer Augenblick. Weiter kommentiere ich das nicht.

STANDARD: Worauf führen Sie das Bawag-Debakel zurück?

Liebscher: Man kann noch so gute Gesetze und Normen haben, entscheidend sind die Menschen, die sich danach richten, oder auch nicht. Wenn, wie bei der Bawag, nur ein sehr kleiner Kreis manches veranlasst und von manchem gewusst hat, interne Kontrollen möglicherweise ausgeschaltet waren und Risikomanagement-Systeme nicht entwickelt waren, dann kann so etwas vorkommen.

STANDARD: Haben Eigentümer und Aufsichtsrat völlig versagt?

Liebscher: Es ist Pflicht des Aufsichtsrats, so qualifiziert zu sein, dass er entsprechende Fragen stellen kann. Und der Eigentümer muss für Transparenz und Informationen sorgen. Ich bin ja selbst Aufsichtsrat, und ich war und bin Vorstand - ich kenne dieses Doppelspiel und weiß, wie schwierig das ist.

STANDARD: Es gibt aber auch noch Finanzmarktaufsicht und OeNB, die für die Bankenaufsicht zuständig sind. Versagt?

Liebscher: Nein. Die Kontrolle beginnt intern, wir, also die externe Aufsicht, sind die letzten, die in der Reihe dran kommen. Wenn die interne Kontrolle versagt oder außer Kraft gesetzt wird, hat man als externe Aufsicht eingeschränkte Möglichkeiten. Wenn einem Informationen vorenthalten werden - was geht dann noch?

STANDARD: Hätte der ÖGB lieber keine Bank haben sollen? Er hat Dividenden wie ein Stück Brot gebraucht, die Bawag musste aber günstige Kredit-und hohe Sparzinsen geben, kam so in die Doppelmühle und in Versuchung, allzu riskante Geschäfte zu machen.

Liebscher: Aber die Bank hat doch Jahrzehnte lang gut gearbeitet! Natürlich kann man jetzt die Frage stellen: Welche Eigentümer sollen Banken haben? Diese Frage stellt sich für Institutionen wie den ÖGB.

STANDARD: Sie halten es also für richtig, dass der ÖGB verkauft?

Liebscher: Ja, das ist der richtige Weg. Und der Käufer muss nicht unbedingt eine österreichische Institution sein. Er muss der Bank und den Kunden etwas bringen - und der Reputation des Finanzplatzes.

STANDARD: Auch gegen den Vorstand der Hypo Alpe-Adria-Bank wird ermittelt; man wirft ihm Verlustverschleierung vor. Wie sehen Sie diese Causa?

Liebscher: Auch da sind Informationen nicht geflossen die fließen hätten sollen - meines Wissens nach gab es das in einer Bank ja noch nie, dass ein Wirtschaftsprüfer sein Testat zurückgezogen hat. Aber ein wesentlicher Unterschied zur Bawag besteht schon, obwohl beide Fälle unangenehm sind: Bei der Hypo war die Zeitspanne zur Entdeckung kürzer und die Summen waren niedriger. Und: Bawag-Eigentümer ÖGB hat gesagt: "Ich habe nichts", während Hypo-Miteigner Grawe finanziell voll hinter seiner Bank steht.

STANDARD: Sie kennen ja Ex- Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner, er saß auch im Generalrat der Notenbank. Haben Sie ihn zuletzt einmal gesprochen?

Liebscher: Wir hatten immer ein friktionsfreies Verhältnis. Aber seit Bekanntwerden dieser Geschichten habe ich nur noch über ihn gelesen.

STANDARD: Etwa, dass er sich keiner Schuld bewusst ist.

Liebscher: Er hat seine eigene Meinung, ist in einer schwierigen Situation. Da möchte ich nicht noch etwas dazu sagen.

STANDARD: Elsners Lebensstil hat nicht zum Klischee des Gewerkschaftsbankers gepasst ...

Liebscher: ... ich weiß nicht, welches Klischee es dafür gibt.

STANDARD: Nicht das des Penthouses mit Pool, Villa in Frankreich, Golfen, Privatstiftungen.

Liebscher: Ich bin nicht der Richter dafür, was passt und was nicht passt.

STANDARD: Ich probier es anders: Führen Macht, Geld und das Fehlen von Korrektiven automatisch zu Realitätsverlust? Was kann Manager auf dem Boden halten, was verhindert, dass Sie abheben?

Liebscher: Der eigene Anstand, das eigene Verhalten und die Moral. Wissen Sie, ich tue mir so schwer bei Verallgemeinerungen. Es gibt in Österreich Millionen von Erwachsenen, die ordentlich in ihrem Beruf sind und kein Problem mit der Realität haben.

STANDARD: Die wenigsten von Ihnen sind Bankchefs.

Liebscher: Genau. Bankdirektoren sollten sich jeden Tag bewusst machen, dass sie fremdes Geld verwalten. Ich habe x-fache Verantwortung im Vergleich zu einem Unternehmer, der seinen eigenen Wohlstand schafft und mit seinem Vermögen tun kann, was er will. Ich bin mir von früh bis spät bewusst, dass ich fremdes Geld verwalte. Ich mag schon meine Fehlerchen haben, aber eines weiß ich garantiert: Ich kann mich am Abend in den Spiegel schauen und weiß, dass ich - zumindest wissentlich - nichts getan habe, was ich nicht verantworten könnte.

STANDARD: Was wäre denn Ihr Fehlerchen?

Liebscher: Ich esse gern Schokolade.

STANDARD: Oje. Und Ihr Luxus? Ein Penthouse auf der Notenbank ist es offensichtlich nicht.

Liebscher: Ich hab keine Dienstwohnung, keinen Luxus . . . Doch, ich hab mir ein Haus mit Garten geschaffen, und ein Haus ist wie eine kleine Bank, da muss man immer wieder was reinstecken.

STANDARD: Fernreisen?

Liebscher: Ich verbringe meinen Urlaub am Neufelder See. Dort bin ich Gast meiner Schwiegermutter.

STANDARD: Für irgendetwas müssen Sie Ihr Geld doch gern ausgeben.

Liebscher: Nein, ich bin sparsam. Aber geizig bin ich nicht! Ich überlege mir nur genau, bevor ich neue Schuhe oder einen neuen Anzug kaufe.

STANDARD: Nur von der Stange, wie man hört.

Liebscher: Ja. Und damit Sie auch das noch wissen: Ich spiele gern Tennis, und ich tarockiere mit meinen Freunden, die ich aus meiner Studentenzeit kenne.

STANDARD: Bewahrt Sie diese nicht rasend glamouröse Lebensführung vor dem Abdriften in andere Sphären?

Liebscher: Ja, zumal ich mich ärgere, wenn ich 15 Euro verliere. Und ich verliere fast immer. Dabei spiele ich nicht schlecht.

STANDARD: Warum verlieren Sie dann?

Liebscher: Naja, früher gab's den Spruch: Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Und ich bin 34 Jahre glücklich verheiratet.

STANDARD: Das wird Ihnen wohl 15 Euro wert sein. Wie oft spielen Sie denn?

Liebscher: Nicht oft. So einmal im Quartal.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

Zur Person

Klaus Liebscher (66) ist seit 1995 an der Spitze der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Als Österreichs Höchstbanker hat der studierte Jurist, Sohn eines Pflanzenbaudirektors, auch einen Sitz im Gouverneursrat der Europäischen Zentralbank, EZB.
Seine Bankerkarriere hat Liebscher, der dem konservativen Lager zuzurechnen ist, im Raiffeisen- Sektor absolviert. Mit 29 Jahren trat er dort ein, 1982 kam der Vater zweier Töchter in den Vorstand der Raiffeisen Zentralbank, dessen Vorsitzender er sechs Jahre später wurde.
Als Notenbanker gilt Liebscher, der stets würdig und wie aus dem Ei gepellt auftritt, als strenger Verfechter der Stabilitätskriterien.

Das Gespräch führte Renate Graber.
  • Nationalbank-Chef Klaus Liebscher "weiß genau, dass nur die Funktion respektiert wird." Die nützt er - etwa, um der Bawag einen Eigenkapital-Polster zu verschaffen.
    foto: standard/regine hendrich

    Nationalbank-Chef Klaus Liebscher "weiß genau, dass nur die Funktion respektiert wird." Die nützt er - etwa, um der Bawag einen Eigenkapital-Polster zu verschaffen.

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