Mutmaßlicher Schläger von Potsdam belastete sich angeblich selbst

1. Juni 2006, 15:29
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Einen Tag nach Freilassung wieder in Haft - Ebenfalls angegriffener türkischstämmiger Politiker aus Spital entlassen

Berlin - Nur einen Tag nach seiner Freilassung ist einer der Tatverdächtigen des Potsdamer Überfalls auf einen Deutsch-Afrikaner wieder verhaftet worden. Der neue Haftbefehl werde mit der Selbstbezichtigung seines Mandanten gegenüber einem Mithäftling begründet, sagte der Anwalt von Björn L., Veikko Bartel, am Donnerstag in Potsdam. Sein Mandant bestreite jedoch, dass dieses Gespräch überhaupt stattgefunden habe.

Die deutsche Bundesanwaltschaft hatte am Mittwochabend ohne weitere Einzelheiten mitgeteilt, es gebe neue Beweise gegen den 29-Jährigen, die den dringenden Verdacht der gefährlichen Körperverletzung erhärteten. Ein dringender Tatverdacht ist Voraussetzung für den Erlass eines Haftbefehls. Der zweite Beschuldigte Thomas M. bleibt dagegen weiter in Freiheit.

Die Bundesanwaltschaft wirft den beiden Männern aus Potsdam und Umgebung vor, den aus Äthiopien stammenden Wasserbauingenieur Ermyas M. in der Nacht zum Ostersonntag an einer Straßenbahnhaltestelle aus rassistischen Motiven zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt zu haben.

Neuerliche Festnahme

L. war am Mittwoch von der Polizei erneut festgenommen worden. Eine Potsdamer Amtsrichterin habe seinem Mandanten am Donnerstag dem von Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof erlassenen Haftbefehl verkündet, sagte Bartel. "Es gibt einen Zeugen, der über ein Gespräch berichtet hat, welches er mit meinem Mandanten in der JVA geführt haben will." Darin solle sich sein Mandat zu dem Überfall auf den Deutsch-Afrikaner bekannt haben, der sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft bisher nicht an die Tat erinnern konnte. Bartel kündigte für die nächsten Tage eine Haftbeschwerde an, über die unverzüglich entschieden werden muss.

Opfer-Anwalt Thomas Zippel bestätigte am Mittwoch, dass sich der noch immer im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn liegende Ermyas M. nicht an den Überfall erinnern könne. Verantwortlich für die Erinnerungslücken seien die schweren Hirnverletzungen, die der 37-Jährige bei der Attacke erlitten habe.

Beide Beschuldigte bestreiten die Tat, die in ganz Deutschland für Empörung gesorgt hatte. Auch nach der Aufhebung der Haftbefehle am Dienstag hatte die Bundesanwaltschaft angekündigt, weiter gegen die 29 beziehungsweise 30 Jahr alten Männer zu ermitteln. Da Tatumstände und ein Telefonmitschnitt auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund schließen ließen, hatte die oberste deutsche Anklagebehörde das Ermittlungsverfahren an sich gezogen.

Unterdessen wurde der bei einem vermutlich ebenfalls fremdenfeindlichen Überfall schwer verletzte türkischstämmige Politiker Giyasettin Sayan aus dem Krankenhaus entlassen. Der 56-Jährige fühle sich noch sehr angeschlagen, sagte eine Sprecherin der Berliner Linkspartei am Mittwoch. Er könne seine Arbeit erst in einigen Tagen wieder aufnehmen. Sayan war am Freitag vor einer Woche niedergeschlagen worden. (APA/Reuters/AP)

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