Eine "Straße der Hoffnung" im Osten

29. Juli 2006, 22:10
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Deutsche Welthungerhilfe baut Verbindungsroute von Goma nach Kisangani

Nsindo - Kilometer 161: In der Ortschaft Nsindo an der Straße von Goma ins Landesinnere der Demokratischen Republik Kongo herrscht reger Betrieb. Die Eltern der Grundschüler schaffen Steine für ein neues Schulgebäude heran. Noch vor kurzem war Nsindo tot. Der Bürgerkrieg hatte alle in die Flucht getrieben. Jetzt wagen sich die Menschen zurück - nicht zuletzt wegen der neuen Anbindung an die Bezirkshauptstadt Goma. Die Straße gilt als Weg der Sicherheit, des Aufschwungs und der Hoffnung.

"Im Augenblick haben wir keine Angst", sagt Josephine Kwabo. "Die Straße bringt Sicherheit." Weil Angreifer nicht mehr so einfach im Verborgenen des Dschungels attackieren können und weil die Sicherheitskräfte einschließlich der UNO-Friedenstruppe MONUC beweglicher geworden sind. "Die Straße bringt auch Entwicklung", sagt Kwabo. "Dank ihr können wir unsere Waren zum Markt schaffen." Wirtschaftliche Belebung der Region, Zugang der Bevölkerung zu Gesundheitsversorgung und Bildung sowie eine bessere Sicherheitslage sind die Ziele der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH), die die Straße im Herzen Afrikas baut.

Schneise durch den Urwald

Bei Kilometer 190 schlägt ein Bulldozer eine Schneise durch den Urwald. Bagger und Laster wühlen sich durch den Schlamm, um die eben gerodete Trasse für die Befestigung vorzubereiten. Noch rund 50 Kilometer geht es durch die Wildnis. Auf den restlichen 500 Kilometern bis nach Kisangani (vormals Stanleyville) an der Biegung des großen Kongo-Flusses herrschen dann bessere Bedingungen für die Ingenieure und Arbeiter. Dort sind die Fundamente einer alten Straße noch einigermaßen brauchbar, Instandsetzung und Lückenschluss stehen im Vordergrund.

Als die Belgier den Kongo 1960 in die Unabhängigkeit entließen, war die gesamte Strecke von Goma bis Kisangani - von wo aus Schiffe in die Hauptstadt Kinshasa und ans Meer gelangen können -, gut befahrbar. Die kongolesische Regierung ließ die Verbindungsachse in den Osten des Landes jedoch verfallen, die Natur holte sich nach und nach die Straße zurück. Zuletzt zog sich nur noch ein Trampelpfad durch den Urwald bei Nsindo. Im Bürgerkrieg bis 2003 war die Gegend dann nahezu entvölkert. Mehr als 100.000 Menschen, die in den Kriegswirren des vergangenen Jahrzehnts aus ihren Dörfern entlang der Straße flohen, sind nach einer Erhebung der Universität Goma inzwischen zurückgekehrt.

53 Kilometer von Goma entfernt, in Bihamwe, ist Großmarkt. Bunte Stände mit Tüchern und vor allem landwirtschaftlichen Produkten locken die Käufer. Bauern, Händlern und Konsumenten hat die Straße viele Vorteile gebracht. "Es ist für alle ein Gewinn", sagt DWHH-Programm-Manager Georg Dörken. Die Händler sparen Zeit und Geld, weil sie schneller und einfacher zu den Produzenten gelangen und ihre Lastwagen dank der neuen befestigten Lehmstraße länger durchhalten. Für die Bauern haben sich neue Absatzmärkte eröffnet, und angesichts der zunehmenden Konkurrenz unter den Händlern können sie Bedingungen stellen und sich aussuchen, an wen sie ihren Maniok, ihren Mais oder ihre Bohnen verkaufen. "Die Bauern bekommen inzwischen das Fünf- bis Sechsfache", rechnet Dörken vor. Die Käufer als letzte in der Kette bekommen mehr und frischere Ware zu günstigen Preisen und sind weniger von importierten Produkten abhängig. Zudem schafft die Straße Hunderte von Arbeitsplätzen. Steinbrocken müssen zu Schotter klein geschlagen werden, Drähte werden per Hand geflochten, Rohre geformt, die Hänge gerodet oder Gräben ausgehoben.

Die Instandhaltung wird über Straßenbenutzungsgebühren bezahlt, die von den anliegenden Dörfern gebildete Komitees von den Fahrern der Laster und Jeeps einnehmen. Kassiert wird aber nicht nur auf legalem Wege. An der Straßensperre bei Kilometer 152 zum Beispiel wirtschaften Bewaffnete in ihre eigenen Taschen. "Alles illegale Sperren", sagt Dörken. Doch die Welthungerhilfe hat keine Handhabe gegen die Wegelagerer. "Der Wegezoll steigt oft mit fortschreitender Tageszeit", berichtet er. Je mehr Kahuzi - in Plastiktüten abgefüllter Billig-Whisky - und Drogen die bewaffneten Männer intus hätten, desto wilder ihre Forderungen. "Alkohol, Joints und Waffen sind eine gefährliche Kombination."

Obwohl seit rund drei Jahren offiziell Frieden im Kongo herrscht, bleibt der Osten ein Pulverfass. Kämpfer verschiedener Milizen verbreiten vor allem in den abgelegenen Gebieten Angst und Schrecken. Tausende sperren sich gegen die im Friedensabkommen vorgesehene Entwaffnung und ihre Integration in die neue kongolesische Armee. Die Fronten wechseln, auch innerhalb der Streitkräfte gibt es noch genügend schwarze Schafe.

In Nsindo bei Kilometer 161 überwiegt jedoch die Zuversicht. "Wir hoffen auf eine friedliche Zukunft", betont Josephine Kwabo. Die neue Straße ist für sie eine Bestätigung, dass der Kongo auf dem richtigen Weg ist. (APA)

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