Männer sind anders, Frauen auch

22. Jänner 2007, 16:27
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Kleine Unterschiede mit großer Wirkung finden im medizinischen Alltag als "gender based medicine" immer mehr Beachtung

Männer haben im Unterschied zu Frauen ein anderes Risikoverhalten (gefährlichere Hobbies), das oftmals mit schwierigeren Unfällen und mit längerem Spitalsaufenthalt einhergeht. Aber auch das Empfinden in Bezug auf Krankheit unterscheidet sich meist von dem der Frauen. Wenn "Mann" sich gesund fühlt, geht er nicht zur Vorsorgeuntersuchung. Das bedeutet, dass bei Männern bestimmte Erkrankungen wie Krebs, erst viel zu spät diagnostiziert werden.

Gender Based Medicine

Es war eher ein ernüchternder Punkt, der zu einem Ansatz einer Gender Based Medicine geführt hat. Zu dem Zeitpunkt, als man in den USA die antivirale Therapie zur Behandlung der HIV-Erkrankungen eingeführt hat, erkannte man, dass bei Männern die Therapie sehr gut angesprochen hat (bessere Lebensqualität, kürzerer Spitalsaufenthalt), aber Frauen um 30 Prozent häufiger gestorben sind. An dieser Stelle stellte man sich die Frage nach dem "Warum" und kam dann auf den scheinbar banalen Grund: Die Dosis war zu hoch.

Geschlechterspezifische Medikamententests fehlen

Man hatte einfach darauf vergessen, dass die Medikamentendosierung abhängig von Wasser, Körper, Verteilungsmuster, Körperoberfläche, Hormonen und vielem mehr ist. Aber genau aus diesem Grund sind die Frauen früher verstorben oder hatten Komplikationen. Doch seit dieser Zeit hat sich leider nicht sehr viel getan, denn im Zeitraum von 1995 bis 2000 sind von den 309 Präparate die bei der FDA eingelangt sind, nur 163 einer geschlechtsspezifischen Analyse unterzogen worden. Bei elf Produkten war aber ein wesentlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen nachweisbar. Hier gibt es also für die Pharmabranche noch sehr viel zum Aufholen.

Frauenrisiko Menopause

Fragt man Frauen woran sie sterben, dann meinen die meisten, sie sterben an Brustkrebs. Aber das ist schlichtweg falsch, denn Frauen sterben zunehmend häufiger an Herzkreislauferkrankungen, Schlaganfall und Herzinfarkt. Frauen haben zwar durch den Östrogenschutz zehn Jahre länger Zeit als Männer, aber nach der Menopause kommt es zu einem dramatischen Anstieg der Inzidenz von Herzkreislauferkrankungen.

Symptomatik der Frau oft anders und unerkannt

Problematisch ist auch, dass sich die Symptomatik der koronaren Herzkrankheit bei Frauen komplett von denen der Männer unterscheidet. Umfasst die Anamnese bei Frauen Symptome wie Müdigkeit, Atemnot, Schlafstörungen, geschwollene Beine, Abnahme der Leistungsfähigkeit, dann reichen die multiplen Diagnosen von Anämie bis hin zur Depression. Die meisten Diagnostiker denken hier nicht an eine Herzkreislauferkrankung. Die Symptome bleiben sehr häufig unerkannt und dadurch gibt es eine längere Diagnoseschiene.

Tatsache ist, dass Frauen viel häufiger an koronarer Herzkreislauferkrankung im Spital oder 30 Tage nach Entlassung versterben. Hier gibt es sehr viele ungeklärte Daten, auf die wir bislang keine Antwort finden.

Geschlechterspezifische Reaktion auf Aspirin

Selbst bei Basisprodukten, die jeder Mann und jede Frau kennt, gibt es eklatante Unterschiede. Als Beispiel sei hier die Acetylsalecylsäure, sprich Kinderaspirin (in einer Dosierung von 100mg, in den USA von 375mg) erwähnt, die die Prävention für Schlaganfall und Herzanfälle schlechthin ist. Die im Februar 2006 im NEJM erschienene Studie zum Thema „Woman’s health trial”, untersuchte in der Primärprävention bei Frauen die prophylaktische Gabe von Acetylsalecylsäure.

Während bei den Männern die Dosierung von 100mg die Gefahr eines Herzinfarkts um 32 Prozent verringert und die eines Schlaganfall um 16 Prozent, kommt bei Frauen ein eher ernüchterndes Ergebnis zu Tage. Man kann zwar das Schlaganfallrisiko um 28 Prozent bis 30 Prozent verringern, aber die Gabe hat keinen Einfluss auf das Entstehen eines Herzinfarktes.

Fehlende Forschung bei OTC-Produkten

Es gibt also dramatische Unterschiede schon bei den allseits bekannten OTC-Produkten, die derzeit noch keine pharmakokinetische Erklärung finden, denn alle Probanden (Männer wie Frauen) haben dieselben Verteilungsmuster und Resorbtionsphase. Hier ist also ein Forschungsansatz getan, der sich wie ein Feuerwerk eröffnen wird.

Gender - Beispiel Schlaganfall

Man weiß, dass sich das Sprachvermögen bei Frauen nach einem linkshemispärischen Schlaganfall rascher erholt, als bei Männern. Mittels einer Magnetresonanzspektroskopie, bei der der Gehirnstoffwechsel mit einem Schichtbildverfahren dargestellt wird, kann nachgewiesen werden, dass bei Frauen das Sprachzentrum nicht nur linkshemisphärisch, sondern auch rechtshemisphärisch angelegt ist. Wenn Frau also einen Schlaganfall hat, so übernimmt die kontralaterale Seite das Sprachzentrum und sie erholt sich rascher. Bei Männern ist das Sprachzentrum ausschließlich linkshemisphärisch angelegt.

Wahrnehmung, Sprache, Rücksichtnahme

Es wird derzeit meist nur vom Arzt und Patienten gesprochen, seltener von der Ärztin oder der Patientin. Es wird in einer speziellen Kompetenz also noch immer in erster Linie der Mann gesehen, selten jedoch die Frau. Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, wie zum Beispiel im sozialen Status, Risikofaktoren, Diagnostik, Medikation und der geschlechtsspezifischen Dosis.

Genderkompetenz ist etwas ganz Wichtiges. Die Harmonie zwischen männlich und weiblich, wie sie in der traditionellen chinesischen Medizin vorherrscht, wird auch in der Schulmedizin Einzug finden und viele Dinge, die wir derzeit vom Mann nicht wissen, wird über die Frauenforschung erklärt werden. (Red/ Quelle: Jeanette Strametz-Juranek)

Internationales Gender Symposium

Medizinische Universität Wien
29. Mai 2006
Hörsaalzentrum des AKH

zur Person

Univ.-Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek
ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie

und Leiterin der Stabstelle Gender Mainstreaming
an der Medizinischen Universität Wien

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