"Patriarchalische Tradition"

26. Mai 2006, 13:12
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Linguistin Ruth Wodak über Frauenbilder im Wissenschaftsbetrieb

"Frau, erfolgreich, international sehr anerkannt, neues Fach, sensible Themen, politisch dem linken Spektrum zugehörig und Jüdin." Auch zwei Jahre nachdem die österreichische Sprachwissenschafterin und Diskursanalytikerin Ruth Wodak anlässlich ihres Rufs an die Universität von Lancaster deutlich machte, warum sie ihrer Ansicht nach als Leiterin eines von ihr aufgebauten Instituts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) abgelehnt wurde, zählt sie ein ganzes Bündel von Gründen für die "Ablehnung" auf und hält mit Kritik an der ÖAW und auch am österreichischen Wissenschaftsbetrieb nicht hinter dem Berg. Sie hätte eine "anachronistische patriarchale Atmosphäre, noch dazu politisch reaktionär und teilweise auch antisemitisch" vorgefunden. Kein rein subjektiver Befund, wie sie schon damals meinte. Die antisemitischen Gründe für das "Nein" gegen sie seien ihr von oberster Stelle bestätigt worden.

"Männliche Atmosphäre"

Die frauenfeindliche Stimmung, die sie spürte, analysiert sie heute als Folge einer "patriarchalischen Tradition". In Österreich herrsche "eine sehr männliche Atmosphäre, im Habitus, Frauen gegenüber, besonders in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, trotz Gleichbehandlung und Gender Mainstreaming. Vieles gilt noch als Kavaliersdelikt, was beispielsweise in den USA oder in England unmöglich wäre - Diffamierungen oder frauenfeindliche Witze." Der Zweite Weltkrieg und "die damalige Frauenideologie", Männer- und Studentenbünde hätten diese "sehr alte" Tradition verstärkt.

Europäische Differenzen

Nicht überall in Europa sei die Situation für Frauen gleich schlecht. Es gebe Länder - zum Beispiel die skandinavischen, aber auch Spanien, Italien, England und Frankreich - "mit vielen sehr guten Professorinnen, die auch sehr hohe Stellen einnehmen, an Universitäten und auch in außeruniversitären Forschungsinstitutionen." Besonders auffallend sei es, dass sich in Schweden "etwa das Dilemma zwischen Beruf und Familie wesentlich weniger stellt". Viele Professorinnen seien auch Mütter und "werden von ihren Partnern sehr unterstützt". Auch England, ihr Wirkungsort, sei wesentlich frauenfreundlicher. "Allerdings: Auf Rektorenebene gibt es in UK kaum Frauen." (DER STANDARD, Printausgabe 24.05.2006)

Von Peter Illetschko
  • Ruth Wodak, derzeit Professorin in Lancaster, kritisiert den österreichischen wissenschaftsbetrieb.
    foto: der standard/corn
    Ruth Wodak, derzeit Professorin in Lancaster, kritisiert den österreichischen wissenschaftsbetrieb.
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