Gnarls Barkley: Auf Urlaub in Sankt Anderswo

31. Mai 2006, 20:56
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Unglaubliche Stilvielfalt: "St. Elsewhere", das Album des lustig postmodernen US-Duos

Das lustig postmoderne US-Duo Gnarls Barkley lieferte mit "Crazy" den ersten Nummer-eins-Hit aus dem Internet. Ihr Album "St. Elsewhere" begeistert mit unglaublicher Stilvielfalt.


Für eine sowohl tief im Soul des US-Südens wie auch im zeitgenössischen Sound diverser, vor allem elektronisch generierter Stile wie Urban, R'n'B, HipHop, futuristischer Funk und Dub verankerte Musik wie jene von Gnarls Barkley macht es dann auch keinen Unterschied mehr, wenn als vierter Song des durchaus programmatisch betitelten Albums
St. Elsewhere eine Coverversion der alten, käsegesichtigen Folk-Punks Violent Femmes aus den frühen 80er-Jahren erklingt. Den Song Gone Daddy Gone hat Danger Mouse alias Brian Burton, der musikalische Kopf der imaginären Künstlerpersönlichkeit Gnarls Barkley, auf einem alten Mixtape im Haus seiner Eltern in New York gefunden. Und weil heutzutage gute Popmusik immer auch eine Flucht zurück nach vorn ins der Beliebigkeit entschieden entgegengesetzte Sankt Anderswo darstellt, finden sich auf diesen atemberaubenden 40 Minuten visionären und tatsächlich zeitgenössischen Pops dann eben auch über Samples zugesteuerte und verfremdete Zusatzinformationen. Da setzt es dann auch noch derben Seventies-Funk, verfremdete osteuropäische Polka-Akkordeone oder aus den Sixties herübergeretteten Easy-Listening-Psychedelic-Cocktail-Sound der imaginären Marke Austin Powers. Wie heißt es im Song Necromancer: "The production is progress but the reason is retro, the chords are of cold-blooded murder, I named it neo necro."

Danger Mouse und der fantastische, aus dem Umfeld der HipHop-Eklektiker Outkast kommende Soul-Schmelzkäse- und Instant-Hymnen-Sänger Cee-Lo Green dürften mit dem beseelten und produktionstechnischen Triumph von St. Elsewhere schon jetzt das Album des Jahres abgeliefert haben. Immerhin werden mit diesen kühnen, aber immer auch hochmelodiösen wie verspielten und dennoch zwingenden Sound- und Stilcollagen nicht nur jene Bedürfnisse zufrieden gestellt, die im Sinne eines eigentlich in der heutigen Beliebigkeit längst überflüssig gewordenen "Futurismus" darum besorgt sind, dass es gerade im Pop eben immer auch um das vermeintliche Schneller, Schöner, Höher, Weiter geht.

Mit der geschickten Verschmelzung von zeitlosem Soulgesang mit schlichtweg allem, was heute ein Download-Store an Pop-Geschichte zu bieten hat (wenn wir einmal von finnischem Death Metal und ungarischen Czardas-Klängen absehen), geht Brian Burton als neuer Produzentenstar in der Nachfolge eines heute schon wieder fast vergessenen Timbaland (Missy Elliott) oder Pharrell und den Neptunes (alle und jede) nach seinen beiden Gesellenstücken aus den vergangenen Jahren jetzt endgültig Richtung meisterlicher Spitze.

Bevor Burton als Danger Mouse Demon Days, das letzte Album der Cartoon-Band um Blur-Mastermind Damon Albarn, produzierte und im Vergleich mit Gnarls Barkley heute eine stilistisch geradezu zurückhaltende und vorsichtige Vorstufe zündete, wurde er zuvor von den Beat-
les-Anwälten zumindest juristisch erheblich bedroht. Immerhin hatte Burton auf dem Grey Album, das bis heute mit über einer Million Downloads als meist heruntergeladenes illegales Album der Geschichte gilt, das Black Album von US-HipHop-Mogul Jay-Z mit Musiksamples aus dem White Album der Beatles neu abgemischt und für einen Aufruhr im Internet bezüglich frei zugänglicher und nicht erlaubter Downloads gesorgt.

Auch Crazy, die erste Single aus dem Album St. Else-
where
, hat zumindest in Großbritannien im April wieder einen Download-Rekord aufgestellt. Weil der Song lange vor der geplanten Veröffentlichung illegal im Netz auftauchte, musste die Plattenfirma zumindest die offizielle Online-Veröffentlichung nach vorne ziehen. Crazy wurde so in Großbritannien mit gut 30.000 legalen Downloads zur ersten Nummer-eins-Single, die es rein übers Internet an die Spitze der Hitparade schaffte. Den CD-Verkäufen tat die ungewollte Promotion keinen Abbruch. Längst verkauften Gnarls Barkley ganz regulär bis dato weit über 200.000 Stück der Single. Ein Zeichen dafür, dass die Hörerbasis im Internet kombiniert mit flexiblem Marketing der Plattenfirma Sounds an die Spitze bringen kann, die sonst eher einem Spezialistenkreis vorbehalten bleiben würden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

Von
Christian Schachinger
  • Gnarls Barkley: "St. Elsewhere" (Warner)
    foto: warner

    Gnarls Barkley: "St. Elsewhere" (Warner)

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