Musikrundschau: Rappelkiste ohne Netz, aber mit doppeltem Boden

31. Mai 2006, 20:56
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Neue Alben von Matmos, Peeping Tom und Peter Licht

MATMOS
The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast

(Matador)
Das experimentelle Elektronik-Duo aus San Francisco kooperiert auf dem neuen Album mit diversen bildenden Künstlern. Und es fertigt auch über ein aufwändig gestaltetes CD-Booklet zehn (musikalische) Porträts berühmter Persönlichkeiten von Ludwig Wittgenstein, Patricia Highsmith oder William S. Burroughs bis zu Bayernkönig Ludwig II.. Mit Gästen wie dem Kronos Quartet, Björk oder Antony Hegarty von Antony & The Johnsons entstehen so zumindest peripher an "Songs" erinnernde, eingängige Soundexperimente zwischen fröhlich-quietschender Rappelkiste, atmosphärischen Sample-Loops und allerlei Geräuschen aus Natur und Technik, die Matmos einst auch schon bei ihrer Zusammenarbeit mit Björk für deren Alben Vespertine, Medulla oder Drawing Restraint 9 zum Einsatz brachten.
PEEPING TOM
Peeping Tom
(Ipecac/Trost)
Dass der zuletzt in Österreich beim Donaufestival gastierende US-Gesangsakrobat und Freistil-Papst Mike Patton noch einmal in die kommerziell aussichtsreiche Nähe seiner alten Band Faith No More kommt, hätte sich auch niemand mehr erwartet. Während mehrerer Jahre fertigte Patton allerdings im Alleingang gefällige, durchaus an alte Metal-HipHop- und Crossover-Großtaten von früher angelehnte Tracks, die der Mann dann als MP3-Files an Freunde oder von ihm geschätzte Kollegen und Kolleginnen ausschickte und zur Weiterbearbeitung aufforderte. Geantwortet haben unter anderem Massive Attack, Dan The Automator, Kool Keith, Bebel Gilberto und Amon Tobin, überraschend aber auch Norah Jones. Die wollte man sich in diesem trotz aller Eingängigkeit noch immer reichlich sperrigen Zusammenhang nicht wirklich vorstellen. Es geht sich aber aus. Der Song heißt Sucker, und Norah muss darin Worte wie "Mutterschänder" singen. So viel derber Humor muss bei Mike Patton bezüglich der lieben Pop-Balladeurin Jones schon sein.

PETER LICHT
Lieder Vom Ende Des Kapitalismus

(Motor/Universal
)
Der Mann, der uns einst den Hit Sonnendeck schenkte, berichtet uns auf seinem neuen Album zu fröhlich tschingel-tschängelndem Gitarrenpop im Stile der schottischen Großmeister Belle & Sebastian ähnlich naturbildhaft und sanftmütig wie zuletzt Blumfeld auf Verbotene Früchte mit ziemlich nachdrücklichem Augenzwinkern nicht nur vom Ende des Kapitalismus und davon, dass die alte Tante Wohlfahrtsstaat zur Hölle fährt. Stoff also, mit dem man sich, wenn man mit dem Lachen fertig ist, durchaus eine Weile auseinander- oder zusammensetzen kann. Auch die anderen Songs sind dazu angelegt, bei aller schmissigen Eingängigkeit den doppelbödigen Texten erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Parallel zum Album ist im Münchner Blumenbar-Verlag auch das Buch "Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus" erschienen. (schach/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2006)

  • Artikelbild
    foto: motor / universal
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