Knoblauch

13. September 2007, 16:26
30 Postings

Knoblauch ist ein Gott der Küche - Oder: In seiner rohen Variante ist er einfach nur der Berserker unter den Gewürzen

+++Pro
von Karl Fluch

In einem GEO-Heft habe ich gelesen, dass es im Euphrat- und Tigris-Tal einst so gewesen sein soll, dass man Freund und Feind am Geruch unterschieden hat. Wer sich nicht durch das Odeur von Knoblauch als netter Nachbar zu erkennen gab, dem wurde vorsorglich einmal der Speer hineingesteckt, um eine eventuell vom Nichtstinker ausgehende Gefahr gleich einzudämmen.

Darüber sind wir zwar hinweg, und die gesellschaftliche Haltung gegenüber der Knoblauchausdünstung hat sich bekanntlich auch verändert. Trotzdem ist Knoblauch ein Gott der Küche. Eigentlich kann man Knoblauch für alles verwenden - außer für Kuchen. Die Aufregung um den Geruch - lächerlich: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Außerdem würde man ganzen Nationen ihre Küchenauthentizität nehmen, würde man sie zum Verzicht auf die Wunderknolle - fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! - zwingen. Ich deute Knoflablehnung als Lustfeindlichkeit von Leuten, die Reiskeks und anderen geschmacksfreien Blödsinn essen. Knoblauch ist ein Manifest der Sinnlichkeit, das die angenehme Begleiterscheinung hat, dass man während der Siesta auch tatsächlich in Ruhe gelassen wird.

*****


---Contra
von Karin Pollack

Mitunter sind fundamentale Wahrheiten schon in der Sprache verborgen. Dass Knoblauchknollen in ihrer kleineren Einheit Zehen genannt werden, ist kein Zufall. Zehen im landläufigen Sinn sind selten Augenweide, noch seltener Wohlgeruch - so wie die Knofel-Zehen eben, die manche sich so gerne ins Essen pressen. In seiner rohen oder wenig gebratenen Variante ist Knoblauch einfach nur der Berserker unter den Gewürzen und gibt Geschmacksnerven keine Chance, den feinen Geschmack von Spinat, die zarte Frische von Salatgurken oder die aromatische Vielfalt von Fisch und Krustentieren zu entdecken.

Das allein wäre nicht das Schlimmste. Zur Umweltbelastung machen ihn die schwefelhaltigen Abbauprodukte, die nach dem Verzehr der Atemluft entströmen. Dass Knoblauchverfechter die gesundheitsfördernde Wirkung preisen, hilft nichts. Vielleicht stärkt die Knolle die Gedächtnisleistung, senkt den Cholesterinspiegel und hat aphrodisierende Wirkung - doch was nützt das, wenn Mitmenschen sich angewidert abwenden und verseuchte Individuen am Ende des Tages lieber alleine stehen lassen? Deshalb: Finger weg von den Zehen. (Der Standard/rondo/26/6/2006)

  • Artikelbild
    foto: photodisc
Share if you care.