Konzern-Asse zahlen für Suchtstudie

27. Juli 2006, 13:09
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Die Casinos und Novomatic finanzieren eine Studie über Spielsucht mit. Hinterfragt wurde, ob die Glücksspielgesetze noch zeitgemäß sind

Wien - Nach eineinhalb Stunden heißer Glücksspiel-Diskussionen gab sich Paul Herzfeld einen Stoß: "Jawohl, die Casinos werden eine Studie über Ursachen und Verbreitung der Spielsucht in Österreich mitfinanzieren", verkündete der Vorstandsdirektor der Casinos Austria AG auf dem Podium vor den wohlgefüllten Zuschauerreihen bei dem von STANDARD-Wirtschaftschefin Alexandra Föderl-Schmid moderierten Montagsgespräch.

Im Saal hob zustimmendes Raunen an - da ging auch durch Herzfelds Nachbar ein Ruck: "Wir schließen uns bei der Studienfinanzierung an", sagte Franz Wohlfahrt, Vorstandsvorsitzender des Glücksspielautomatenbauers und -betreibers Novomatic. Vom entgegengesetzten Podiumende nickte ihm Spielsucht-Experte Herwig Scholz erfreut zu.

Psychiater Scholz hatte davor das Fehlen besagter Studie als Problem bezeichnet: Mangels empirischen Wissens über die Suchtquoten sämtlicher Glücksspiele - der traditionellen, Personen gebunden wie Roulette ebenso wie der neuen, elektronischen und digitalen wie Automatenspielen und Internetgames - basiere sein Wissen über die Betroffenen auf der Klientel seiner Spielerberatung de la Tour in Treffen bei Villach.

"80 Prozent unserer Patienten sind übers Automatenspielen in die Abhängigkeit geraten. 80 Prozent von ihnen stammen aus Wien, der Steiermark und Kärnten, wo das Automatenspielen im Rahmen des kleinen Glücksspiels schon seit Jahren erlaubt ist", erläuterte Scholz. International gehe man von einem halben bis einem Prozent Spielsüchtiger in der Bevölkerung aus - doch diese nackten Zahlen würden den "persönlichen Tragödien" der Süchtigen nicht gerecht.

Der Lebensgeschichte etwa einer "29 Jahre alten Frau", die der niederösterreichischen Konsumentenschutzlandesrätin Christa Kranzl (SP) einen Brief geschrieben hat: "Sie hat insgesamt 900.000 Euro verspielt und Betrügereien begangen, um zu Geld zu kommen. Dafür wurde sie verurteilt und ist inhaftiert - jetzt hat sie die Einkommensteuervorschreibung für ihre früheren Gewinne zugeschickt bekommen", erzählte die Politikerin. Die Verhinderung von Schicksalen wie diesem - so Kranzl - habe sie bewogen, am Verbot des kleinen Glücksspiels in Niederösterreich festhalten zu wollen. Mit diesem sei "das Land seit 1982 nicht schlecht gefahren".

VP im Sinneswandel

Doch dann habe sich nach einer Novomatic-Amtshaftungsklagendrohung über sieben Millionen Euro in der Landes-VP "plötzlich ein Sinneswandel breit gemacht", sodass das kleine Glücksspiel im Land unter der Enns wohl ab 6. 7. 2006 - wenn das im März beschlossene Gesetz Gültigkeit erlangen dürfte - erlaubt sein wird. "Das nennt man nicht wirklich lieben/Wenn man den Liebling erpresst/Das nennt man nicht wirklich halten/Wenn man ihn fallen lässt", fallen Gerhard Strejcek, Leiter des Zentrums für Glücksspielforschung, zu diesem Ablauf der Dinge zwei Zeilen aus Robert Gernharts "Lichten Gedichten" ein.

Natürlich, so Strejcek, stehe es jedem Bundesland im Rahmen der herrschenden Gesetzgebung frei, das kleine Glücksspiel zu verbieten oder zuzulassen: "Die Länder sind da völlig souverän - und dieser Umstand ist auch EU-Rechts konform". Die Frage jedoch sei, ob die heimischen Gesetze - auch wenn sie sich Jahrzehnte lang bewährt haben - der rasanten technischen Entwicklung bei den Glücksspielen noch gerecht würden.

Wie rasant ein Automatenspiel heutzutage auf einen Player einstürmt, vermittelte sich in der Wortmeldung eines Spielers, der zur Diskussion ins Haus der Musik gekommen war: "Herr Wohlfahrt, bitte sagen Sie mir, was der Automat macht, wenn ich die laut kleinem Glücksspiel erlaubte Höchstsumme von 20 Euro gewonnen habe?", wandte er sich an den Novomatic-Chef.

Als dieser nicht gleich reagierte, antwortete der Mann selber: Statt die Summe gutzuschreiben, eröffne der Automat per Extrataste die Möglichkeit, das Geld binnen Sekundenfrist neu einzusetzen - "und dann wieder und wieder, bis hin zu Summen von 320 Euro und mehr". Antwort darauf von Wohlfahrt: "Jedes dieser Spiele ist ein zivilrechtlicher Vertrag. Sie können sicher sein, dass alles, was in unseren Automaten passiert, den österreichischen Gesetzen entspricht". (Irene Brickner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.5.2006)

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