"X-Men – Der letzte Widerstand": Fluch und Segen der Normalität

23. Mai 2006, 19:45
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In "X-Men – Der letzte Widerstand" treten Mutanten und Menschen zu einer entscheidenden Auseinandersetzung an: Der Sehenswerte dritte Teil der Comic-Erfolgssaga hält neben spektakulären Schauwerten auch soziales Anliegen bereit

Cannes/Wien - Ein Jugendlicher hat sich im Badezimmer eingeschlossen und macht sich mit wachsender Verzweiflung an einer Veränderung seines Körpers zu schaffen. Auf die Zurufe, endlich die Türe zu öffnen, reagiert er nicht. Was ihn so irritiert, bleibt jedoch vorerst im Verborgenen: auf einem Rasiermesser und Wattestücken klebt Blut; Federn tänzeln wie Staubknäuel durch den Raum. Schließlich fügen sich die Details zu einem Bild: Mit Tränen in den Augen steht Warren (Ben Foster) vor seinem Vater, an seinem Rücken die Stümpfe gestutzter Flügel.

Es ist ein Gesetz der Comic-Welt, dass die Mutation in ein anderes Wesen mit Schmerzen verbunden ist. Die Gabe, besondere Fähigkeiten zu besitzen, ist immer auch eine Bürde, weil sich der Held fortan von der Gesellschaft argwöhnisch beäugt, wenn nicht gleich ausgeschlossen sieht. Warrens Verwandlung in den geflügelten Angel gibt dafür ein eindringliches Bild ab. Im mythendurchsetzten Universum der X-Men ist er aber nur ein Beispiel einer multikulturellen Gemeinschaft von Mutanten, die ihr Auskommen mit der Menschheit suchen.

X-Men - Der letzte Widerstand, der nunmehr dritte Teil der bei Kritik und Publikum gleichermaßen erfolgreichen Comic-Adaption, setzt - mehr noch als seine Vorläufer - seine Erzählung entlang jener Front an, an der sich eine solche friedliche Koexistenz entscheidet. Wie jede intelligente Populärkultur reagiert der Film damit auf Fragen, die gegenwärtig nicht nur in den USA im Raum stehen: Ist der Weg der Integration für die illustren Mutanten, wofür der bedächtige Professor Xavier (Patrick Stewart) steht, der bessere? Oder jener des militanten Magneto (Ian McKellen), der für eine Art Parallelgesellschaft plädiert?

Regisseur Brett Ratner, der seinen Vorgänger Bryan Singer - er zog den Dreh von Superman Returns vor - beerbte, und seine Drehbuchautoren suchen von Beginn an die entscheidende Konfrontation. In diesem Teil werden, sicher zum Bedauern mancher Fans, einzelne Figuren sterben. Die Entdeckung eines Gegenmittels, das Mutanten zurück in normale Menschen verwandelt, setzt das Drama in Gang und führt zu Spaltungen unter den Superhelden. Man könnte das Antiserum schließlich als eine Form der Zwangsassimilierung verstehen.

Schlechtwetterfront

Magneto führt die Gegenoffensive an, und die von den Toten zurückgekehrte Jean Grey (Famke Janssen) wechselt als noch mächtigere Dark Phoenix an seine Seite. Storm (Halle Berry) hingegen, die bekanntlich das Wetter beeinflussen kann, muss kaum Gewitterwolken fabrizieren - sie ziehen diesmal von selbst auf: Gemeinsam mit Wolverine (Hugh Jackman) wird sie zur zentralen Protagonistin des Widerstands gegen Magnetos Truppe, die sich das Gegenmittel - einen Jungen, der die Gabe besitzt, Kräfte zu neutralisieren - sichern will.

X-Men 3 folgt mit seiner Zuspitzung auf eine finale Schlacht ein wenig der Logik vergleichbarer Trilogien wie jener von Matrix oder von Herr der Ringe. Das Universum der X-Men ist aber flexibel genug, um immer auch genügend Nebenstränge zuzulassen, was dem Film eine offene Form einbringt. Ratner hält dabei die Balance aus dynamisch arrangierten Kampfszenen, komischen Interpunktionen und melodramatischen Verdichtungen. Als Zuschauer hat man die Möglichkeit, unter den Figuren zu wählen - und muss sich nicht mit der einsamen Mission eines ehrgeizigen Stars wie Tom Cruise begnügen.

Natürlich wird von einem Franchise-Unternehmen wie jenem der X-Men verlangt, sich auch im spektakulären Bereich noch einmal zu übertreffen. Der zweite Teil hatte dahingehend viel zu bieten. X-Men 3 führt zwar neue Figuren ein, Beast (Kelsey Grammer) mit dem unverwechselbaren blauen Pelz oder den Wüstling Juggernaut (Vinnie Jones), der mühelos durch Wände läuft; die größeren Set-Pieces ragen aber vielleicht eine Spur zu lose aus dem dramaturgischen Zusammenhang heraus.

Umgekehrt sieht man nicht alle Tage, wie jemand mit bloßer Geisteskraft die Golden-Gate-Bridge ganz nach seinen Interessen neu auszurichten versteht. Ein Blockbuster, der solche Attraktionen mit Fragen des sozialen Miteinanders zu kombinieren versteht - und diese nicht der Gewinnlogik opfert -, schließt durchaus erfreulich an die Tradition der Comics als populäres Medium der Verdichtung an. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2006)

Von Dominik Kamalzadeh


Ab Donnerstag (25.5.) im Kino
  • Mit Blitz und Donner gegen die Spaltung der Gesellschaft:
Storm (Halle Berry) steigt in Brett Ratners "X-Men – Der letzte
Widerstand" zu einer der zentralen Protagonistinnen auf.
    foto: foxfilm

    Mit Blitz und Donner gegen die Spaltung der Gesellschaft: Storm (Halle Berry) steigt in Brett Ratners "X-Men – Der letzte Widerstand" zu einer der zentralen Protagonistinnen auf.

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