Untergang und Übersättigung

23. Mai 2006, 19:51
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"Don Giovanni" beim Feldkirch Festival in der Version von Thomas Hengelbrock

Feldkirch - Dass Thomas Hengelbrock, der seit 2001 als künstlerischer Leiter des Feldkirch Festivals fungiert, Mozarts Don Giovanni musikalisch entschlackt und feinnervig deuten würde, war zu erwarten. Schließlich hatte er die "Oper aller Opern" bereits des Öfteren in ausgesprochen kammermusikalischer Dichte musikalisch ausgestaltet. Wer nun aber befürchtet hatte, dass der Dirigent diese so heikle Oper in der Doppelfunktion als musikalischer und szenischer Leiter wesentlich konventioneller angehen würde, konnte aufatmen.

Denn Hengelbrock und mit ihm Bühnenbildner Renato Uz versinnbildlichten Mozarts musikalisch unaufhaltsamen Todesstrudel, ohne dabei auf Klischees oder pseudohistorische Requisiten zurückzugreifen; und das mit erstaunlich einfachen Mitteln.

Die Bühne des Feldkircher Montforthauses ist durch wenige, aber höchst effektiv eingesetzte Mittel gegliedert. Hengelbrock zeichnet die einzelnen Figuren gleichsam in der Tradition der commedia dell'arte sehr konturenreich, in einzelnen Szenen stellenweise schon drastisch plakativ. Das gibt dieser Inszenierung harte Kontraste, macht das oft turbulente Bühnengeschehen allerdings ausgesprochen transparent. Don Giovanni ist bei Hengelbrock kein Charmeur, sondern ein ausgesprochen aggressiver Zyniker, ein Latinlover, wie sie in Diskotheken oder auf Strandpartys zu finden sind; ein Mensch, der im Grunde genommen nur mit sich selbst beschäftigt ist. Entlarvend hier auch das Ständchen, wo er fast autistisch wirkt, so, als würde er nicht für eine Dame, sondern ausschließlich und voller Selbstmitleid für sich selbst singen.

Als interessantester Gegenspieler fungiert hier die stark aufgewertete Figur des Masetto, der in Manfred Bittners überzeugender Darstellung als vor Zorn bebender Betrogener verkörpert wird. Don Ottavio (mit hellem Timbre: Andreas Karasiak) dagegen wird als bemitleidenswertes Leichtgewicht dargestellt.

Das leichte, flüssige Klangbild des Balthasar-Neumann-Ensembles bzw. -Chores mit pfeilschnellen Streichern, zartem Holzbläsersatz und markigem Blech erlaubt es Hengelbrock, mit jungen, leichten, jedoch sehr wendigen Stimmen zu arbeiten. Lediglich Arpiné Rahdjian (als Donna Elvira) sticht im Gegensatz zu Svetlana Doneva (als Donna Anna) oder der Erotik ausstrahlenden Zerlina (Katharina Persicke) durch ihr ausgesprochen kraftvolles Timbre aus dem Ensemble hervor.

Und Don Giovanni? Die Champagnerarie etwa, hier als kompaktes Kammerspiel zwischen Leporello (Tiziano Bracci) und Giovanni in Szene gesetzt, sprudelt trotz ihrem halsbrecherischen Tempo wie feiner Sektschaum aus dem Orchestergraben, aus der Gurgel von Georg Nigl. Was hier noch Lust verkörpert, wird beim Gastmahl, bei dem Don Giovanni klebriges Fastfood vernascht und blonde Damen um sich hat, zur banalen, lustentleerten Erotikshow.

Der Auftritt des Commendatore (Boris Petronje) und die Höllenfahrt sind da nur mehr die nicht ganz schlüssige - auch Hengelbrock scheitert am Finale - Zugabe. Don Giovannis Untergang hat schon vorher, in seiner eigenen Übersättigung, stattgefunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2006)

Von Robert Spoula


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Feldkirch Festival
18. - 28. Mai
  • Artikelbild
    foto: feldkirch festival/benjamin krieg
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