Tommaso Padoa-Schioppa

1. Juni 2006, 15:34
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Sisyphusarbeit für einen stillen Ökonomen

Dass ihn um sein neues Amt kaum jemand beneidet, weiß Tommaso Padoa-Schioppa. Von Zweckoptimismus hält der 66-jährige Ökonom aus dem Dolomitenort Belluno wenig: "Es wäre unsinnig, die dramatische Wirtschaftslage des Landes schönzureden." Der einzige parteilose Experte in Romano Prodis Kabinett soll den maroden Staatshaushalt sanieren, die Verschuldung reduzieren und die Wirtschaft ankurbeln - eine Sisyphusaufgabe.

"Aktive Geduld" heißt das letzte seiner neun Bücher. Davon wird TPS, wie er im Freundeskreis genannt wird, nach der Übernahme des Schlüsselministeriums für Wirtschaft und Finanzen eine beträchtliche Dosis benötigen. Wesentliches unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Giulio Tremonti: Padoa- Schioppa ist ein bedächtiger Mann der leisen Töne, der Marktschreier verabscheut.

Tremontis Anti-Euro-Attacken ärgerten den trockenen Nationalökonomen ebenso wie Berlusconis Alleingänge. Bedingungslos unterstützt er Prodis Absicht, Rom wieder auf überzeugten EU-Kurs zu bringen. Als Generaldirektor der Abteilung für Wirtschaft und Finanzen in Brüssel gehörte er zu den Miterfindern des Euro. "Er ist in Italien geboren, lebt in Deutschland und denkt auf Englisch", charakterisierte der Guardian das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank in einem mehrseitigen Porträt.

Der italienischen Öffentlichkeit ist der neue Minister, der auf die "150-prozentige Unterstützung" des Vorsitzenden der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker bauen kann, nahezu unbekannt. Fernsehauftritte empfindet der Finanzexperte mit dem spröden Charme eines Buchhalters als Qual. Seinen neuen Job betrachtet er mit gewohnter Nüchternheit: "Die Vernunft sagt mir, dass wir einiges schaffen können."

Als ersten offiziellen Schritt veranlasste Padoa-Schioppa einen Kassensturz, um "das wahre Ausmaß des von Berlusconi hinterlassenen Defizits festzustellen". Obwohl er "den faktischen Wert der Zahlen" schätzt, ist der Wirtschaftsminister alles andere als ein Fachidiot. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Triest studierte der Sohn eines Versicherungsdirektors an der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi. Seine berufliche Laufbahn begann der Kosmopolit in Deutschland bei C&A, 1984 wurde er Vizechef der italienischen Nationalbank.

Eine langjährige Freundschaft verbindet den dreifachen Vater mit Jacques Delors. Zu seinen engsten Freunden gehörte der Nobelpreisträger Franco Modigliani, dessen Schüler er am MIT in Boston war. Zu den wenigen Leidenschaften des Ökonomen gehört seine Vorliebe für Schokolade. Gut, dass die altmodische Confiserie, die TPS bevorzugt, nur wenige Gehminuten vom Chigi-Palast entfernt ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.5.2006)

von Gerhard Mumelter
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