Analyse: Russland am Weg zur Energie-Supermacht

8. Juni 2006, 16:26
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Beim bevorstehenden EU-Gipfel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sind Schüssel und Barroso nur mehr Bittsteller

Schon der Tagesablauf signalisiert für den derzeitigen EU- Ratspräsidenten Wolfgang Schüssel und den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso den Stellenwert, den die EU derzeit in Moskau besitzt. Gerade einmal eineinhalb Stunden dürfen die beiden EU-Politiker mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprechen. "Erschrocken" sei man über diese knappe Zeitvorgabe für einen Gipfel, meinten Diplomaten der EU. Immerhin stehen weltpolitische Themen wie Irak, Iran, Naher Osten und natürlich das Thema Nr. 1, die Energie, auf dem Programm.

Doch Russland dürfte an tiefen Gesprächen über Energie derzeit ohnehin nicht interessiert sein, ist doch Putin gerade dabei, Wirtschaft und Außenpolitik des Riesenreiches mit den gewaltigen Rohstoff-und Energievorkommen neu auszurichten.

War die Enteignung des ehemaligen Oligarchen und Yukos-Eigentümers Michail Chodorkowski noch als persönliche Fehde Putins gesehen worden, so ist – wie es Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein ausdrückte – der sehr kurzfristig beschlossene Gas-Lieferstopp an die Ukraine ein unüberhörbarer "Weckruf" gewesen. Russland sieht seine Energielieferungen als Machtinstrument, um seine Interessen durchzusetzen und bald den verlorenen Status einer Supermacht wiederzuerlangen.

"Russland kann auf die EU nicht verzichten"

Die EU hat den Weckruf sicher gehört, aber vermutlich nicht richtig gedeutet. Denn während Russland bereits Verträge mit China schließt und der riesigen Volkswirtschaft enorme Mengen aus Gasfeldern zusichert, die bis jetzt den Bedarf Europas deckten, pocht die EU noch immer darauf, dass die Union 75 Prozent der russischen Gas- und Ölförderungen konsumiert und deswegen der wichtigste Kunde sei. "Russland kann auf die EU nicht verzichten", heißt es in Brüsseler Kommissionskreisen. Übersehen wird dabei, dass schnell wachsende Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien bereits um die russischen Vorräte buhlen.

Und die Zeit arbeitet für Putin: Der weltweite Energieverbrauch steigt dramatisch an, die Vorräte gehen ebenso dramatisch zurück.

Dass Russland auch in Zukunft ein "zuverlässiger Lieferant" ist, wie dies der russische Energieminister Viktor Christenko immer wieder betont, hängt vermutlich sehr bald ganz von der EU ab; Geld allein wird nicht mehr genügen. Politische Zugeständnisse da, wirtschaftliches Entgegenkommen dort, und schon fließt das Gas. Dass Russland schon lange nicht mehr auf Augenhöhe verhandelt, zeigt die Forderung nach Beteiligungen der mächtigen Gasprom in Europa. Das riesige verstaatlichte Unternehmen will auf den EU-Endverbrauchermarkt vorstoßen, sonst drohen leider "Lieferengpässe", verlautete aus Moskau. EU-Unternehmen dürfen sich aber im Gegenzug weder an der Gasprom noch sonst wo am russischen Energiesektor beteiligen.

Will sich die EU nicht weiter und weiter in diese Abhängigkeit begeben, hilft nur eine Verhandlungsposition der Stärke. Und das bedeutet, Alternativenergien – und die Atomkraft – zu forcieren. Auch, wenn das schwer fällt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2006)

Von Michael Moravec aus Brüssel
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