HVB strukturiert Deutschland-Geschäft um

1. Juni 2006, 17:13
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Erste Hauptversammlung nach der Übernahme - Interesse an Akquisitionen in Deutschland bekräftigt

München - Die Münchener Großbank HVB organisiert ihr Geschäft in Deutschland um und baut die Vermögensverwaltung als eigenständige Vertriebssparte auf.

Vorstandschef Wolfgang Sprißler sagte am Dienstag auf der ersten Hauptversammlung nach der Übernahme durch die italienische UniCredit in München, künftig sei der Vertrieb im Inland in fünf Divisionen gegliedert: Privat- und Geschäftskunden, die Vermögensverwaltung (Wealth Management), Firmenkunden, kommerzielles Immobiliengeschäft und das Investmentbanking. Neu ist neben der eigenständigen Vermögensverwaltung die Zuordnung von Geschäftskunden wie Selbstständigen, kleinen Einzelhändlern oder Handwerkern zum Privatkunden-Ressort, wenn sie keinen größeren Bedarf an Beratung oder Investmentbank-Diensten haben. Ihre Betreuer sollen ebenfalls das Ressort wechseln.

Stark umkämpft

Kleine Geschäftskunden gelten in Deutschland ebenso wie der Privatkundenmarkt als stark umkämpft, weshalb die Gewinnmargen der Banken relativ gering sind. Der Sparte Vermögensverwaltung, die Kunden mit einem Kapitalanlagevolumen von mehr als 500.000 Euro betreuen soll, wird auch die DAB Bank zugeordnet. An dem Online-Broker hält die HVB die Mehrheit.

Mit der neuen Struktur folgt die HVB dem Mutterkonzern UniCredito, was die Effizienz in der Produktion über die Gruppe hinweg erhöhe. "Homogene Kundengruppen mit darauf abgestimmten Produkten und Dienstleistungsangeboten sind der Nukleus für künftiges Ertragswachstum", sagte Sprißler.

Gestärkt für Übernahmen im Inland

Die Mutter der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) will gestärkt durch die Konzernmutter UniCredit im umkämpften deutschen Markt auch durch Übernahmen expandieren. UniCredit-Chef Alessandro Profumo sagte am Dienstag, die HVB solle in erster Linie organisch wachsen. "Aber wir schauen uns auch andere Möglichkeiten an", ergänzte er am Rande der HVB-Hauptversammlung.

HVB-Chef Wolfgang Sprißler deutete an, dass seine Bank für die Bankgesellschaft Berlin bieten könnte, falls die HVB beim aktuellen Verkauf der Berliner Bank - wie inzwischen erwartet - nicht zum Zuge kommt.

Profumo bekräftigte bei seinem ersten Auftritt vor den verbliebenen HVB-Aktionären sein Ziel, den Finanzkonzern mit der HVB zu einem der Branchenführer in Europa zu machen. "Wir wollen die in Europa führende Bank bei Kundenzufriedenheit und Profitabilität werden", sagte er in einer auf Deutsch verfassten Erklärung. Deutschland sehe er dabei als Kernmarkt an.

Profumo und Sprißler machten deutlich, dass die Münchener Bank ihre Präsenz über Bayern und Norddeutschland hinaus ausweiten wolle. Als Beispiel nannte Sprißler das Gebot für die zum Verkauf stehende Berliner Bank. Finanzkreisen zufolge ist die HVB aber nicht in die engste Wahl gekommen. Demnach hat der Verkäufer, die Bankgesellschaft Berlin, die Deutsche Bank und die Mittelbrandenburgische Sparkasse in die enge Auswahl gezogen.

Alle interessanten Dinge in Deutschland

In der Branche wird aber erwartet, dass viele Institute, die bei der Berliner Bank nicht zum Zuge kommen, beim späteren Verkauf der Bankgesellschaft wieder bieten werden. "Wir sehen uns alle interessanten Dinge an, die sich in Deutschland bieten", sagte Sprißler dazu. Nach der Übernahme durch UniCredit im vergangenen Jahr sei die HVB nun in der Lage, wieder anzugreifen. Nach Informationen aus Finanzkreisen bietet die HVB auch für die von der DZ Bank zum Verkauf gestellten knapp 100 Filialen der Nürnberger Norisbank samt deren Kunden.

Die italienische UniCredit hält knapp 94 Prozent an der HVB. Ein noch höherer Anteil oder eine Zwangsabfindung für die HVB-Aktionäre seien nicht geplant, bekräftigte Sprißler. Auf der Hauptversammlung zweifelten trotzdem einige Aktionärsvertreter an, dass es noch viele Aktionärstreffen der HVB geben wird. Während zu früheren Hauptversammlungen mehrere Tausend Teilnehmer erschienen waren, verloren sich diesmal im Plenum des zweistöckigen Messezentrums in München nur einige Hundert Anteilseigner.

Höhere Erträge

Sprißler bekräftigte, die HVB gehe nach dem Gewinnsprung im ersten Quartal auch für das Gesamtjahr von deutlich höheren Erträgen aus. "Die Kapitalrendite soll den Vorjahreswert von zehn Prozent signifikant übertreffen", sagte er. Die Kundenzahl sei stabil, sagte Sprißler und trat damit Spekulationen über einen Rückgang entgegen. Von Januar bis März hatte die HVB ihren Gewinn auf 651 Millionen Euro fast verdoppelt, das war bereits mehr als im Gesamtjahr 2005.

An der Börse pendelte die im Nebenwerteindex MDax notierte HVB-Aktie nach anfänglichen Kursgewinnen am Nachmittag um ihren Vortagesschlusskurs von 27,50 Euro.

Gute Zahlen und ein wenig Trauerstimmung

Zum ersten Mal seit langer Zeit hätten die verbliebenen Aktionäre der BA-CA-Mutter HypoVereinsbank (HVB) eigentlich zufrieden mit ihrem Investment sein können: Nachdem die zweitgrößte deutsche Bank im vergangenen Jahr ein Nachsteuerergebnis von 1,163 Mrd. Euro erwirtschaftet hatte, kommen sie erstmals nach drei Verlustjahren wieder in Genuss einer Dividende, und zwar in Höhe von 25 Cent je Aktie. Doch auf der Hauptversammlung im Münchener Kongresszentrum herrschte am heutigen Dienstag trotzdem leichte Trauerstimmung. Grund: Nach der Übernahme der HVB durch die italienische UniCredit könnten die Aktionäre zum letzten Mal zusammengetreten sein.

Nur ein kleiner Teil der HVB-Aktionäre widerstand dem Angebot, ihre Papiere gegen UniCredit-Aktien einzutauschen, so dass die italienische Bank jetzt über knapp 94 Prozent der HVB-Anteile verfügt. Ab 95 Prozent könnten die Italiener zum "Squeeze Out" übergehen und damit die Existenz der HVB als eigenständige Aktiengesellschaft beenden. "Ich würde mich wundern, wenn ein Großaktionär diese Gelegenheit zur Vereinfachung nicht nutzen würde", sagte Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

HVB als Wunschpartner

UniCredit-Chef Alessandro Profumo, von italienischen Medien "Alessandro der Große" getauft, begrüßte die etwa noch 1.000 erschienenen HVB-Aktionäre auf deutsch. "Die HVB ist unser Wunschpartner" und "fester Bestandteil der UniCredit-Gruppe". Deutschland werde als "Sitz einer der Divisionen der Holding weiter aufgewertet". HVB-Vorstandschef Wolfgang Sprißler versuchte ebenfalls, nach Kräften dem Eindruck entgegen zu treten, als sei er nur noch so etwas wie ein besserer Filialleiter, noch dazu einer, dessen Betrieb abgewickelt wird: UniCredit habe sich mit der HVB nicht trotz, sondern wegen des Deutschlandsgeschäfts zusammengeschlossen, versicherte er.

Jetzt, da die HVB zur fünftgrößten Bankengruppe in der EU gehöre, könne man die "deutlich gewachsene Kapitalstärke" auch wieder zu Zukäufen nutzen, verkündete Sprißler. Das Interesse der HVB an der Berliner Bank sei ein Beispiel dafür. Auch ein Rückkauf der Noris-Bank ist offenbar denkbar. Sprißler: "Nichts ist von vornherein ausgeschlossen".

Sprißlers Kraftmeierei und der gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelte Erstquartalsgewinn in Höhe von 651 Mio. Euro konnte freilich die Skepsis nicht ausräumen, die sich auch unter den restlichen HVB-Aktionären nach einer Serie negativer Medienberichte, besonders aber nach dem Exodus von führenden Mitarbeitern breit gemacht hat. Immerhin verließen nach der Übernahme von UniCredit vier von sieben HVB-Vorstandsmitgliedern (gemeinsames Jahressalär: 16 Mio. Euro) sowie eine Reihe von Bereichsvorständen die HVB. "Personelle Veränderungen in der Führungsmannschaft sind bei Unternehmenszusammenschlüssen dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich", meinte Sprißler lapidar.

Sonnenkönig

Hartnäckig halten sich auch Gerüchte, wonach UniCredit-Chef Profumo wenig kollegial nach Art eines Sonnenkönigs den Banken-Konzern regiert. Er sei "beeindruckt von der Qualität der Mitarbeiter, die uns als Mehrheitsaktionäre mit offenen Armen empfangen haben", umarmte Profumo auf der Hauptversammlung die Deutschen. Wenn die Medienberichte zutreffen, dann müsse Profumo "ein unglaubliches Ungeheuer sein", wunderte sich Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Das wäre für die Bank nicht vorteilhaft. Was sich im letzten Jahr im HVB-Vorstand getan habe, sei auf jeden Fall "nicht nachvollziehbar": Erst hätten die Vorstände die Anleger um Vertrauen für die Fusion gebeten, dann hätten sie sich vom Acker gemacht. (APA)

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