"Volle Transparenz statt Drüberfahren"

6. Juni 2006, 12:48
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Wissenschafter-Kritik an "diffamierendem" Umgang mit Kritikern der Muslim-Studie

Wien - Zur fachlichen Kritik an der "Muslim-Studie"des Innenministeriums kommt scharfe Kritik aus Wissenschafterkreisen am Umgang des Ministeriums mit Kritikern der Studie. "Das ist diffamierend und deutet an, dass das Ministerium in eine Abwehrhaltung geraten ist. Denn die Studie ist Vorurteilsforschung und keine Integrationsstudie, die Stichprobenziehung höchst fraglich, Fragen und Indikatoren müssen auf den Tisch", empört sich Migrationsforscherin Rossalina Latcheva vom Zentrum für Soziale Innovation über Angriffe gegen Barbara Herzog-Punzenberger von der Akademie der Wissenschaften.

Innenministerin Liese Prokops (VP) Sprecher, Johannes Rauch, hatte Herzog-Punzenbergers Kritik ("nette Seminararbeit"ohne Grundkonzept, übliche Begriffsklärungen und Forschungsverweise) mit "Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung"quittiert und gemeint, "von ihr hat man noch nie etwas gelesen in diesem Bereich".

Das verwunderte wiederum Kollegen der attackierten Forscherin, die neben Studien über Integration auf EU-Ebene auch Pisa-Spezialauswertungen für das Bildungsministerium in Wien erstellte.

Sozialanthropologe Andre Gingrich, sagt über die Kritik an der "sehr respektierten Kollegin", die bei ihm ihre Diplomarbeit geschrieben hat: "Es widerspricht der guten Sitte. Man muss Kritik aufgrund wissenschaftlicher Expertise respektvoll zur Kenntnis nehmen. Drüberfahren - auch wenn Wahlkampfzeiten sind - ist der falsche Weg."Gingrich, für seine Studie "Lokale Identitäten und überlokale Einfüsse"2000 mit dem Wittgensteinpreis ausgezeichnet, fordert "volle Transparenz. Eine in Auftrag gegebene Studie hat das Recht, dass man sich mit ihr auseinandersetzt. Das gehört zu den wissenschaftlichen Grundregeln. Solange sich diese Studie nicht der wissenschaftlichen Sichtung durch andere Wissenschafter stellt, ist sie eigentlich noch gar keine Studie."

Herzog-Punzenbergers Kollege, Rainer Bauböck vom Institut für Europäische Integrationsforschung, kritisiert die Studie als "nicht ausreichend transparent. Bei einer Umfrage müssen Fragen wörtlich nachzulesen sein, Tabellen mit den Antwortkategorien und die Zusammenfassung. Ich zweifle nicht an der Qualität der Daten, die Interpretation scheint mir durchaus vorsichtig, aber die Studie sollte offen gelegt werden."Die vier Muslim-Typologien könne man sich "nur zusammenreimen. Das ist methodisch nicht state of the art". Inhaltlich "bedenklich"sei, dass "die Integrationserfahrungen der 504 Muslime, die noch dazu als homogene Gruppe unterstellt werden, fehlen. Das gehörte analysiert."

In Österreich gebe es aber leider "im Bereich der politiknahen Auftragsforschung unglückselige Traditionen, dass Ressorts Studien freihändig vergeben. Normalerweise würde man erwarten, dass so eine Studie ausgeschrieben wird. Dadurch kann man natürlich Qualität steigern." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2006)

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