Apotheken

26. Juli 2007, 12:41
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30 Wiener Apotheken wurden per Zufallsgenerator ausgewählt und von drei Testpersonen mit unterschiedlichen Anliegen aufgesucht

Testperson A Die 61-jährige mit einem Body Mass Index von 33 und rund 20 Kilogramm Übergewicht erkundigt sich in der Apotheke nach einer Möglichkeit, mit der sie abnehmen kann. Für medizinisch geschultes Personal ist sofort erkennbar, dass ein Schlankheitsmittel hier fehl am Platz ist und die Testperson ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten umstellen und zuvor einen Arzt aufsuchen sollte.

Testperson B ist 30 Jahre alt und steht vor einer dreimonatigen Individualreise in die Tropen. Sie erkundigt sich nach der richtigen Reiseapotheke und nach den empfohlenen Immunisierungen beziehungsweise Malariaprophylaxe.

Testperson C sagt, dass seine Tochter seit der letzten Nacht hoch fiebert, hustet und Ohren-schmerzen hat. Auf Nachfrage gibt er Alter der Tochter (drei Jahre) und Temperatur (39 °C) an. Am Ende der Beratung fragt der Vater, ob er (verschreibungspflichtigen) Klacid-Saft be-kommen könne und verspricht, das Rezept nachzubringen. Zentrale Bewertungskriterien sind eine ausführliche Anamnese sowie der Hinweis für einen Arztbesuch.

Gewichtsprobleme - bedenkliches Ergebnis
Nur eine einzige Apotheke schneidet "sehr gut" ab. Zwei Mal konnten die "Konsument"-Tester ein "gut" vergeben und ein Mal ein "durchschnittlich". Die restlichen 26 Apotheken fielen bei diesem Prüfpunkt durch: 18 sind "weniger zufriedenstellend", Acht wurden mit "nicht zufriedenstellend" bewertet.

 In keiner einzigen Apotheke wurden Fragen nach Bauchumfang, Alter, Gewicht und Körpergröße gestellt. Ebenso wenig interessierte die Apotheker, ob die Testperson Medikamente einnimmt. Nur zwei "Berater" erkundigten sich, ob sie unter einer Krankheit leidet.

 Nur in zwei Fällen verließ die Testperson die Apotheke anstatt mit einem Schlank-heitsmittel in der Tasche mit der dringlichen Empfehlung für einen Arztbesuch.

 In 27 von 30 Apotheken gingen dagegen mehr oder weniger fragwürdige Produkte um meist teures Geld über den Ladentisch. Immerhin 18 Berater wiesen darauf hin, dass das verkaufte Produkt kein Wundermittel sei.

 Für den gewünschten Gewichtsverlust interessierten sich nur vier Berater.

 Anwendungshinweise für die Produkte sowie Informationen über eventuelle Neben-wirkungen erhielt die Testperson kaum: Nur einmal wurde sie auf Nebenwirkungen hingewiesen, einmal wurde ihr deutlich gesagt, dass sie viel Wasser trinken müsse.

 Nur drei Apotheken befragten die Testerin ausführlich über ihre Ernährungsgewohn-heiten, jede zweite interessierte sich dafür nicht. Der Aspekt Bewegung kam in 18 Fällen nicht zur Sprache. Die Umstellung der bisherigen Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten war für sechs Apotheken kein Thema.

 Obwohl die Branche zur gleichen Zeit mit der Aktion "10 Minuten für meine Gesund-heit" warb, nahmen sich für die stark übergewichtige Testperson nur die wenigsten Apotheker so viel Zeit. Die Beratung war meist nach wenigen Minuten abgeschlos-sen, in vier Fällen beschränkte sie sich auf den reinen Verkaufsakt.

 Nicht nur die Beratungsqualität erwies sich oft als ungenügend: Nur in zwei Apothe-ken konnte die Testperson ein halbwegs diskretes Beratungsgespräch führen.

Kompetente Reiseberatung

Im Gegensatz zur Schlankheitsberatung erweist sich die Branche in puncto Impf- und Reise-beratung deutlich kompetenter. Wer sich vorm Urlaub reisemedizinisch beraten lassen möchte, ist in der Apotheke prinzipiell gut aufgehoben. Die Details

 Bis auf wenige Ausnahmen offerierten die Apotheken eine umfassende und vollständige Impf- und Malariaprophylaxeberatung.

 Weniger gut fällt das Ergebnis bei den Empfehlungen zu Reisediarrhö (Durchfall) aus. In 17 Fällen wurde eine einwandfreie Empfehlung abgegeben. Die Testperson erhielt den Hinweis, Mittel mit dem Wirkstoff Loperamid nicht länger als 48 Stunden einzunehmen. Elf Mal mussten die Tester allerdings ein "nicht zufriedenstellend" vergeben, weil lediglich eine Empfehlung für Kohlepräparate gegeben wurde. Diese werden als alleinige Vorsorge für eine Tropenreise negativ beurteilt.

 Bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke bewiesen 23 Apotheken ihr Können. Nur in drei Fällen wurde die Testperson "nicht zufriedenstellend" beraten.

Korrektes Verhalten im Notfall

Zwei von drei Berater erkundigten sich beim besorgten Vater mehr oder weniger ausführlich nach Krankheitsverlauf, Höhe der Temperatur, Alter des Kindes und – das wichtigste Kriteri-um – gaben eine Empfehlung für einen Arztbesuch ab. Die "Konsument"-Tester konnten deshalb zehn "sehr gut", neun "gut" und ein "durchschnittlich" vergeben.

 In zehn Fällen erfolgte kein Hinweis für einen Arztbesuch. Dies führte zur Abwertung, da eine Ferndiagnose unzulässig und die Aussagen keine seriöse Abschätzung des Krankheitszustandes zulassen. Neun Apotheken sind deshalb "nicht zufriedenstellend".

 Drei Apotheken haben Ohrentropfen angeboten, bei denen es eine Kontraindikation bei perforiertem Trommelfell gibt. Ob diese Gegenanzeige vorlag, konnten die Berater jedoch nicht wissen.

 Alle Apotheken verhielten sich bei der Nachfrage des Vaters nach dem rezeptpflichti-gen Klacid-Saft korrekt. Keine einzige verkaufte den Saft.

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