Nachts, wenn die Engel schlafen

23. Mai 2006, 13:31
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Wortloses Filmdrama: Mit "Melegin Düsüsü" - "Der Fall des Engels" - reiht sich Semih Kaplanoglu ins minimal­istische Erzählkino ein

Wien - Eine junge Frau geht eilig eine Straße bergan. In ihrer Hand eine Spule mit Garn. Oft ist der Faden schon gerissen, seine Reste säumen ihren Weg. Erst wenn er am Ende der Strecke ganz geblieben ist, scheint das geheimnisvolle Ritual seine Bestimmung zu erfüllen. Schon dieser Beginn des Films setzt einen Grundton der Unruhe, der sich im weiteren Verlauf zunächst auf einer ganz anderen, weltlichen Ebene wiederfindet.

Melegin Düsüsü (Der Fall des Engels) heißt das Drama von Semih Kaplanoglu. Es ist der zweite Spielfilm des 43-jährigen türkischen Regisseurs, der sich damit in jenes minimalistische Erzählkino einreiht, das etwa auch seine Landsleute Zeki Demirkubuz (Bekleme odasi) oder Nuri Bilge Ceylan pflegen (Iklimler, der jüngste Film des Letzteren feierte soeben in Cannes seine Premiere).

Auf das visuelle Rätsel vom Beginn, das ein erzählerischer Vorgriff sein könnte, ein Schluss- oder auch ein Traumbild, folgt zunächst die nüchterne Beschreibung eines Alltags: Die junge Frau, die Zeynep heißt und in ihrer Verschlossenheit von der jungen Filmdebütantin Tülin Özen eindringlich verkörpert wird, fährt täglich frühmorgens zu ihrer Arbeitsstelle. In einem kleinen Hotel in Istanbul versieht sie als Zimmermädchen ihren Dienst. Ein schüchterner Page schwärmt dort für sie, lange wird Zeynep ihn mit Abweisung strafen.

Außerdem führt sie ihrem Vater den Haushalt. Und fast beiläufig enthüllt der Film, dass dieser sie nicht nur als Arbeitskraft missbraucht: Nachts, wenn Zeynep sich schlafen gelegt hat, öffnet sich irgendwann die Tür zu ihrem Zimmer und eine Hand greift aus dem Dunkel nach ihr.

Beklemmende Ruhe

Melegin Düsüsü funktioniert wie eine Art Antithese zu Rosetta, dem Drama von den Brüdern Dardenne: Der verzweifelt aufrührerische Gestus von deren Heldin wurde dort in entsprechend atemlose Bilderfolgen übertragen. In Melegin Dü¸sü¸sü erzielen lange, nahezu ungeschnittene Sequenzen - der Regisseur ist Ende der 80er-Jahre zunächst als Kameramann ins Filmgeschäft eingestiegen - eine vergleichbar beklemmende Stimmung. Das wortlose Nebeneinander von Vater und Tochter bleibt von Off-Musik unverstellt.

Umso deutlicher werden dabei Zeyneps kleine Fluchten, ihr lange stummer Widerstand gegen den Peiniger im eigenen Haus, der seine Gewissensbisse seinerseits wortlos in Alkohol ertränkt. Die Eingangssequenz legt außerdem eine allegorische Lesart des Dramas nahe, die sich dem hiesigen Betrachter wohl nur zum Teil erschließt, was allerdings der Wirkung dieses fesselnden Films keinen Abbruch tut.

Eine zweite, bruchstückhafte Erzählung verbindet sich schließlich langsam mit der ersten: Unvermittelt scheint der Faden von Zeyneps Geschichte abzureißen, findet man sich auf einer Begräbnisfeier wieder. Ein Mann trauert um seine bei einem Unfall verstorbene Frau. Kurz vor ihrem Tod hat sie ihn verlassen.

Ein Koffer mit ihren Kleidern, ihrer Wäsche und ihrem Make-Up gelangt schließlich in Zeyneps Besitz, und sein Inhalt fungiert als eine Art von Katalysator, der auf überraschende Weise Zeyneps radikale Befreiung aus ihrer Zwangslage initiiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.05.2006)

Von Isabella Reicher


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    foto: viennale05
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