Italienischer Flirt mit Gasprom

8. Juni 2006, 13:52
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ENI spitzt offenbar auf russisches Gasfeld, Gasprom auf Endverbrauchermarkt

Moskau - Eisern bleibt das Vorhaben des russischen Gasmonopolisten Gasprom, auf den lukrativen europäischen Endverbrauchermarkt vorzudringen.

In der Exportstrategie des Konzerns heißt es, dass bei den Diskussionen über die Verlängerung langfristiger Lieferungsverträge gefordert wird, Teile des Transportnetzes oder der Absatzmärkte zu erhalten. Stieß der russische Gasgigant damit bei den europäischen Abnehmerländern bisher auf Widerstand, könnte sich jetzt eine Chance in Italien auftun.

Das russische Wirtschaftsblatt Vedomosti erfuhr aus einer dem italienischen Gaskonzern ENI nahe stehenden Quelle, dass ENI dem Gaskonzern Ölaktiva in Nordafrika oder Teile am italienischen Gasverteilernetz anbieten will. Offiziell wird dies freilich nicht bestätigt, Gasprom nahe Quellen aber bestätigten nun inoffizielle Gespräche darüber.

Der Vorstoß der italienischen ENI verwundert nicht wirklich. Schon lange wollen die Italiener, die nach Deutschland zweitgrößter Importeur russischen Gases sind, ihrerseits zu russischen Förderstätten vordringen.

Viertel von Gasfeld

Konkret schielen die Italiener jetzt auf 25 Prozent des Gasfeldes "Juschno-Russkoje". Dieses birgt ein Vorkommen von 700 Milliarden Kubikmeter und sollte ab 2013 die in Bau befindliche Nordeuropäische Gaspipeline (NEGP) von Russland nach Deutschland füllen.

Ende April hat die deutsche BASF 35 Prozent an "Juschno-Russkoje" erhalten. Im Gegenzug erhöht Gasprom seinen Anteil an der Handelsgesellschaft Wingas, über die Gas in Deutschland vermarktet wird, von vorher 35 Prozent auf 50 Prozent minus einer Aktie und bekommt BASF-Aktiva in Libyen. 25 weitere Prozent an "Juschno-Russkoje", auf die nun ENI spitzt, waren eigentlich für die deutsche E.ON vorgesehen. Weil E.ON sich im Gegenzug aber sperriger als BASF erweist und Gasprom keine 50 Prozent an ungarischen E.ON-Aktiva beziehungsweise schon gar nicht Teile am deutschen Endverbrauchermarkt abtreten will, landeten die Gespräche in der Sackgasse.

Gasprom und E.ON, die gemeinsam mit BASF 49 Prozent der NEGP halten (51 Prozent hält Gasprom), verhandeln freilich weiter. Daher ist durchaus nicht ausgemacht, dass die Italiener beim Gasfeld zum Zug kommen. Mit ihrem Angebot haben sie vielmehr Gasprom ein Druckmittel für die Verhandlungen mit E.ON geliefert. Sollten die Italiener aber das Rennen machen, hätte es Gasprom beim zweiten Anlauf zum italienischen Endverbraucher geschafft.

Berlusconi-Strohmann

Den ersten Anlauf verhinderten italienische Parlamentarier im Herbst letzten Jahres, weil sie aufdeckten, dass ein italienischer Geschäftsmann als Strohmann für Ex-Präsident Silvio Berlusconi den Gasverkauf abwickeln sollte. Ein weiterer Partner in diesem fehl geschlagenen Deal wäre die österreichischen Centrex Group gewesen - eine Gründung der österreichischen Gasprombank-Tochter I.D.F. Anlagegesellschaft und des in Wien ansässigen Robert Novikovski. (Eduard Steiner, Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.5.2006)

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