Parkour: Das Ziel ist der Weg

28. Juli 2006, 16:33
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Man kann um Hindernisse herumgehen - oder sie überqueren - ganz einfach

Parkour ist die Kunst, Hindernisse nicht zu umgehen, sondern sie zu überwinden. Im Wortsinn. Erfunden von einem französischen Vietnamveteranen, weiterentwickelt von seinem Sohn - und von einer Jugendgang in einem Film berühmt gemacht: Spiderman kommt nicht aus den USA, sondern aus Frankreich - und er braucht keinen klebrigen Faden, um Mauern hochzulaufen oder von Dach zu Dach zu springen.

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Ob steil bergauf oder abgrundtief hinunter: Raymond und David Belle kennen die Höhen und Tiefen des Lebens - und wissen, wie man sich ihnen stellt. Doch im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen umgehen oder vermeiden die zwei Franzosen Hindernisse nicht. Sie suchen sie geradezu. Um sich ihnen zu stellen - und um sich über sie hinwegzusetzen.

Vater und Sohn Belle gehen nämlich ihren Weg - und lassen sich von nichts (o. k.: von kaum etwas) dabei aufhalten. Das Ganze ist - heute - ein Sport. Und gerade ziemlich hip: In Madonnas Musikvideos - aber auch schon im Wiener Museumsquartier - kann man junge Menschen beim scheinbar spielend leichten Überqueren von Hindernissen aller Art sehen.

Parkour heißt dieses Ding - und auch wenn der Trendsport locker aussieht, hat er "ernste" Wurzeln: Raymond Belle erfand Parkour, um zu überleben.

Der Vietnamveteran

In Vietnam "lernte" er im Bürgerkrieg das erfolgreiche Flüchten im Dschungel. Später, in Frankreich, gab er sein Wissen seinem Sohn David weiter. David entwickelte diese Kunst der Fortbewegung weiter und machte sie stadttauglich machte: Parkour war geboren. Werkzeuge und Hilfsmittel? Nur der Körper. Ziel? Auf einer geraden Linie die Stadt zu durchqueren. Hindernisse? Ansichtssache: Jede Menge - oder nur die eigene Angst.

Der Parkour-Läufer, auch Traceur genannt, überwindet flüssig und effektiv jedes Hindernis, springt von Brücken, hechtet über Häuserschluchten und klettert Mauern hinauf: Der Traceur überwindet aber nicht nur Hindernisse, sondern vor allem die eigene Angst, und - so schwärmen jedenfalls Traceure - erlebt dadurch den eigenen Körper und die Umwelt ganz neu.

Unbezweifelt ist, dass das Sich-Verlassen-Lernen auf persönliche Fähigkeiten und das Erleben und Erkennen von Stärken und Schwächen die mentale Tour ist, auf die sich Traceure begeben - und das spektakuläre (Schau-)Spiel für die Aktiven erst richtig spannend macht.

Denn "sich trauen" allein wäre bei einem Satz über - um nur ein Beispiel zu nennen - eine etwa fünf Meter breite "Schlucht" zwischen zwei Hausdächern vermutlich mehr als nur gefährlich - nämlich einfach blöd: man muss schon wissen, was man wirklich kann - und zwar ganz individuell.

Bresson und Philosophie

Den Durchbruch schaffte Parkour aber dann 2001: Da drehte der französische Regisseur Ariel Zeitoun mit "Yamakasi - die Samurai der Moderne" (Produzent: Luc Besson) einen rasanten, sozialkritischen Film über eine siebenköpfige Jugendbande, die sich in den französischen Banlieues "spidermanesk" fortbewegte. "Yamakasi" steht für "sei ein starker Mensch mit starkem Geist und starkem Körper" - und gab dem Sport nicht nur einen unglaublichen Popularitätsspin, sondern auch Botschaft und Philosophie.

Mittlerweile ist Parkour auf der ganzen Welt bekannt - und findet auch in Österreich immer mehr Fans. Über das Warum könnte man Diplomarbeiten schreiben. Über Körperbeherrschung, Selbsteinschätzung, Selbstdisziplin und Konzentration. Sicher passt aber jene fast patzige Antwort, die ein Traceur im Wiener Museumsquartier vergangene Woche einem Zuseher auf die Frage nach dem Warum zurief: "Weil es geht." (DER STANDARD Printausgabe, 23. Mai 2006)

Von Stefanie Lakovits und Nicoletta-Maria Niel
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    Traceure wissen ganz genau, was sie sich und ihrem Körper zutrauen.

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