Königsdrama der Klopapierbosse

22. Mai 2006, 19:24
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Zur deutschsprachigen Erstaufführung von Michel Vinavers "Über Bord" im Landestheater Linz

Linz - Eine Volksweisheit befiehlt: Hinaus, was unverzinst in unseren Körpern haust! Gegessen wird gewinnorientiert, was nicht (mehr) gebraucht wird, scheidet aus. Punkt. Der französische Dramatiker Michel Vinaver schloss dieses menschliche kapitalistische Verdauungsprinzip 1969 in Über Bord mit dem betriebswirtschaftlichen kurz. Es spielt in der unsanften Toilettenpapierbranche.

Während das Klopapierimperium von Ravoire & Dehaze wankt, stirbt Boss Fernand Dehaze. Der pfiffigere seiner beiden ungleichen Söhne Olivier (Lutz Zeidler) und Benoit (Georg Bonn) bringt mittels tiefenpsychologischer Marketingstrategien das Boot wieder auf Kurs, bis am Ende mit Amerika (und auch privat neu) fusioniert wird.

Vinaver, 1927 in Paris geboren, konnte in seiner insgesamt 30-jährigen (Manager-)Tätigkeit beim Rasierklingenriesen Gillette Ausbeutungsstrukturen lange genug studieren. Ein Großteil seiner Stücke befasst sich ebendarum mit dem kapitalistisch geprägten Berufsalltag. Im deutschsprachigen Raum ist Vinaver kaum bekannt. Umso mehr war der Herr mit den hellwachen großen Augen am Samstagabend von der deutschsprachigen Erstaufführung an den Linzer Kammerspielen angetan. Auch wenn die Mühewaltungen von Regie (Gerhard Willert) und dem 24-köpfigen Ensemble ihre Wirkung nicht erzielten. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2006)

In einem mehr als dreistündigen Sprechmarathon, der auch akustisch sein Publikum nicht immer erreichte, blieb der Text schließlich wie Gummiabrieb liegen. Willert hat das Figurenpersonal (40!) zwar halbiert, aber den in seinen konkreten Unterfütterungen ausufernden Text in ein Zeitkorsett gezwängt.

Unter diesem Druck fehlte der Atem für den symphonischen Entwurf. Christoph Coburger hat der Polyphonie der sich aus dem Anzugsgrau erhebenden Stimmen eine schneidende Tonspur gelegt, die der Erzähler Jean Passemar (Christian Wittmann) als Alter Ego des Autors an den Turntables im Vordergrund lenkt. Dahinter ziehen Krawattenhengste ihre Runden durch Bürostuhlschluchten (Bühne: Florian Parbs).

Abgelegte Geliebte werden in dicken Kostümen auf kommunikationsintensive Posten verschoben; ein junger Jazzer von Montparnasse wird an die Merchandisingfront geschickt und lässt sich aus ähnlichen Gründen kapern, wie es der Konzern selbst mit sich geschehen lässt. Schluckvorgänge mit Ausscheidungsfolgen, so verrichtet jeder sein Geschäft. Geld stinkt nicht, das andere schon. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2006)

Von Margarete Affenzeller

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Theo
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    foto: landestheater oö
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