Auf der vergeblichen Suche nach dem Glück

27. Juli 2006, 13:09
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Die Lust am raschen Spielgewinn hat eine dunkle Seite: Die Spielsucht. Ein bis zwei Prozent aller Österreicher sind akut gefährdet

Wien/Klagenfurt – Herrn K.s Hände sind feucht. Er hält den Atem an. Adrenalin jagt durch die Adern. Das Glücksrad dreht sich. Rien ne va plus – nichts geht mehr. Irgendwann muss es ja wiederkommen, das Glück. Einmal ist die Kugel auf die richtige Seite gerollt und er hat gewonnen. Herr K. kann an nichts anderes mehr denken als "einmal noch – dann wird alles gut". Und weiter dreht sich das Rad im Kreis.

"Es ist nicht so sehr die Glückserwartung, die Spielsüchtige bewegt", weiß Primarius Herwig Scholz vom Krankenhaus de la Tour in Kärnten, das seit mehr als 20 Jahren auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert ist. "Meist sind das zutiefst unsichere Menschen, Looser, die endlich einmal die Selbstbestätigung erfahren, dass auch sie gewinnen können."

Wenn so jemand beim Glücksspiel verliert, bedeutet das den Verlust der neu gewonnen Identität. Der Griff nach dem Alkohol ist dann meist auch nicht weit. Zwischen ein und zwei Prozent der österreichischen Bevölkerung sind laut Scholz akut spielsuchtgefährdet. Wobei Männer mit 85 Prozent deutlich stärker risikobereiter sind als Frauen.

Das Hilfsprojekt de La Tour in Treffen bei Villach, das der Diakonie gehört, bietet seit Jahren stationäre Behandlung für Spielsüchtige. Die Therapie dauert acht Wochen, danach wird in Einzel- oder Gruppentherapie nachbetreut. Bei 40 Prozent der Patienten ist die Spielsucht mit Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit gekoppelt, 15 Prozent der Spieler haben Selbstmordversuche hinter sich. "Bei uns lernen die Betroffenen Strategien, um ihr Selbstwertgefühl aufzurich ten", erklärt der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, der sich auf Suchttherapie spezialisiert hat.

Die Spielsucht sei heute stark im Ansteigen – "wegen des kleinen Glücksspiels an Automaten", meint Scholz. Hier widerspricht Franz Wohlfahrt, Vorstandsvorsitzender von Novomatic, der Hersteller- und Betreiberfirma von Spielautomaten für das kleine Glücksspiel. Die Monopolisten von den Casinos – so schreibt er in einem Positionspapier – stellten allein das Automatenspielen als Sucht-Gefahrenquelle dar, während ihre eigenen Angebote wie "Lotteriespiele, Internetglücksspielangebote, Videolotterieterminals, Spielbanken, etc. mit keinem Wort Erwähnung finden".

"Responsible Gaming"

Beim staatlichen Glücksspielmonopolisten Casinos AG gibt es gesetzliche Regeln in Sachen Spielsucht. Das nennt sich "Responsible Gaming". Dabei werden Spielweise und -verhalten der einzelnen Gäste beobachtet. "Wir greifen ein, wenn uns jemand auffällt", erklärt Herbert Beck, Leiter des Projekts. Dasselbe – wenn auch ohne gesetzliche Verpflichtung – geschehe auch in den Automatensalons, wirft Novomatic-Sprecher Hannes Reichmann ein: "In Zusammenarbeit mit der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe Berlin werden unsere Mitarbeiter geschult, um gefährdete Gambler zu erkennen".

Darüber hinaus jedoch müssen sich Casino-Besucher ausweisen und werden elektronisch registriert. Dann folgt ein Bonitäts-Check. Ist der Spieler bereits in Nöten, kann der Casino-Besucher nach dem Glücksspielgesetz entweder beim Spiel eingeschränkt oder für eine gewisse Zeitspanne überhaupt gesperrt werden. Beck: "In problematischen Fällen empfehlen wir eine Therapie." Und dabei arbeiten die Casinos AG mit dem Spieler-Hilfsprojekt de La Tour zusammen – wenn der Betroffene bereit sei.

Herr K. ließ sich letztlich therapieren – aber leider erst, nachdem seine Finanzen und danach seine Familie zusammengebrochen waren. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.5.2006)

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