"Sonst wären wir ja austauschbar"

1. Juni 2006, 17:13
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Der Präsident des Österreichischen Sparkassenverbandes, Alois Hochegger, erklärt im STANDARD-Interview, warum der Sektor jetzt verstärkt auf gute Taten setzt

Standard: Lassen Sie mich zuerst nach dem Dauerthema der Sparkassen-Gruppe fragen, dem Haftungsverbund. Die Bank Austria Creditanstalt hat die Erste geklagt, weil man dort meint, dieser Verbund verstoße gegen das Kartellgesetz. Erste- Chef Andreas Treichl ist skeptisch, dass die Erste Bank Recht behält. Sie auch?

Hochegger: Über Gerichtsurteile spekuliere ich nicht, das wäre, als würde ich im Kaffeesud lesen. Aber ich gehe schon davon aus, dass die Nützlichkeit unseres Haftungsverbundes, der in erster Linie die Einlagen unserer Kunden ohne Limit absichert, auch vom Gericht akzeptiert wird. Gerade in Zeiten wie diesen ist doch die Sicherheit für die Sparer ein Asset - dem müssten auch der Staat und die Volkswirtschaft Bedeutung zumessen. Ich bin überzeugt, dass die Grundidee, die 100-prozentige Haftung für die Einlagen unserer Kunden, bleiben wird.

Standard: Was, wenn der Haftungsverbund abgesagt werden muss? Die Erste hat für diesen Fall vorsorglich den Zusammenschluss beantragt. Ist es dann mit der Unabhängigkeit der Sparkassen vorbei?

Hochegger: Aber überhaupt nicht. Unser Sektor ist im Back-Office-Bereich, in den Bereichen Veranlagung, Kreditabwicklung und Zahlungsverkehr, längst sehr arbeits^teilig organisiert, und das wird, allein aus Kostengründen, auch so bleiben. All das hat keine einzige Sparkasse Souveränität gekostet.

Standard: Ein echter Zusammenschluss brächte aber schon mehr Einbußen an Eigenständigkeit. Das würde die Sparkassen nicht stören?

Hochegger: Die Erste hätte bei einem echten Zusammenschluss sicher mehr Mitspracherechte, aber auch mehr Verantwortung. Mich würde das nicht stören. Die Kärntner Sparkasse hat nichts eingebüßt durch die Beteiligung der Erste; die Vorteile etwa bei unserer Expansion überwiegen die Nachteile. Ich vergleiche das so: Natürlich ist es einfacher, einen Single-Haushalt zu führen als eine Ehe; aber auch die Ehe hat große Vorteile, wenn man sich versteht und die Lasten verteilen kann.

Standard: Die Sparkassen betonen jetzt wieder ihre ursprüngliche Gründungsidee: die "Förderung des Gemeinwohls". Werden Sie zu Gutmensch-Banken?

Hochegger: Die Sparkassen haben seit ihrer Gründung 1819 immer sichtbaren Nutzen gestiftet: Schulen gebaut, Gemeindehäuser, Konzertsäle. Und gerade in unserer Zeit, im Zeitalter der Globalisierung, treten Sehnsüchte auf. Es sind nicht alle Gewinner in unserer Zeit - und diese Leute fördern wir eben. Wir haben drei Richtungen, in denen wir massiv tätig werden wollen: Bildung, Wissenschaft und Forschung; Kunst, Kultur und Sport sowie Soziales und Gesundheit. Im Vorjahr haben wir dafür 20 Millionen Euro ausgegeben, es sollen künftig fünf, sechs Prozentpunkte vom Betriebsergebnis sein.

Standard: Warum gerade jetzt?

Hochegger: Weil der Staat immer weniger für diese Anliegen ausgibt. Es ist an der Zeit, dass jemand diese Rolle übernimmt. Unsere Aktionäre, die Stiftungen, kaufen sich aus den Gewinnen nicht Yachten im Mittelmeer, sondern geben das den Menschen wieder zurück. Das ist eine Verstärkung unserer Daseinsberechtigung, sonst wären wir ja komplett austauschbar.

Standard: Kurz gesagt: Sie kaufen sich eine gute Nachred’ statt Klavierfabriken?

Hochegger: Wir beteiligen uns sowieso nicht an Unternehmen. Sparkassen sind Banken und nicht Unternehmer in dem Sinn, dass sie Klaviere oder sonst etwas bauen.

Standard: Stichwort Bawag: Die Wiener Städtische hatte sich für den Kauf der Bawag interessiert, aber nur mit Partner Erste Bank. Was würden die Sparkassen zu Konkurrenz aus dem eigenen Haus sagen?

Hochegger: Ich glaube nicht, dass das schlecht sein müsste für die Sparkassen. Aber das ist für uns derzeit kein Thema.

Standard: Sind viele Bawag-Kunden zu Ihnen gewechselt?

Hochegger: Natürlich bekommen wir Geld und sind dankbar für jeden Kunden. Aber uns wäre es lieber nicht um den Preis. Der Schaden entstand ja nicht nur für die Bawag, sondern für alle Institute und den Finanzplatz Österreich. Das tut schon weh.

Standard: Die Sparkassen haben einen Marktanteil von 28 Prozent, Sie wollen Raiffeisen mit 34 Prozent in vier Jahren überholt haben. Ohne Zukäufe werden Sie das nicht schaffen.

Hochegger: Wir haben es uns vorgenommen. Wir werden uns schon nach oben turnen - und wenn sich ein Fenster für Zukäufe auftut, werden wir das nutzen.

Standard: Ihr Sektor wurde entstaubt: Das Dienstrecht wurde erneuert, die Pragmatisierung, also der unkündbare Sparkassen-Beamte, wird abgeschafft. Bringt Ihnen das eigentlich mehr Kunden?

Hochegger: Natürlich. Es geht um die Einstellung der Mitarbeiter zur Dienstleistung, und die verbessert sich. Ich sehe die Pragmatisierung bei einem Richter ein, aber nicht bei einem Bank-Angestellten.

Standard: Ist jetzt zu Ende modernisiert?

Hochegger: Bei der variablen Entlohnung hinken wir im europäischen Schnitt noch nach. Als Nächstes müssen wir die leistungsorientierte Tangente bei den Gehältern ausbauen.

Standard: Bei Ihren Mitarbeitern steigen Sie bei der Leistungsorientierung aufs Gas, andrerseits unterstützen Sie Menschen, die Ihre Leistung - aus welchem Grund immer - nicht erbringen können...

Hochegger: ...Ich bitt’ Sie, da geht es doch um eine andere soziale Ebene: Wir unterstützen nur dort, wo es um Grundbedürfnisse geht. Darum geht es bei unseren Kollektivverträgen sicher nicht. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.5.2006)

Zur Person

Alois Hochegger (56) ist Präsident des Österreichischen Sparkassenverbandes mit seinen 56 Instituten und einer Bilanzsumme von 127 Mrd. Euro (inklusive Erste Bank, ohne Osten). Der Lavanttaler Hochegger (nicht verwandt mit den gleichnamigen Lobbyisten in Wien) arbeitet seit 30 Jahren im Sektor, seit 1999 als Chef der Kärntner Sparkasse.
  • Sparkassenverband-Präsident Alois Hochegger fürchtet auch bei Zusammenschlüssen zwischen Erste Bank und Sparkassen nicht um die Souveränität der Letzteren.
    foto: standard/christian fischer

    Sparkassenverband-Präsident Alois Hochegger fürchtet auch bei Zusammenschlüssen zwischen Erste Bank und Sparkassen nicht um die Souveränität der Letzteren.

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