Einserfrage: Was bringt die Unabhängigkeit?

5. Juli 2006, 14:29
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Balkanexperte Franz-Lothar Altmann sieht die Zukunft vorsichtig optimistisch und schlägt privilegierten Zugang für Serbien zu Häfen vor

derStandard.at: Montenegro hat sich für die Unabhängigkeit entschieden. Wie sehen die unmittelbar nächsten Schritte aus?

Altmann: Jetzt müssen sehr schnell Gespräche zwischen den beiden Regierungen stattfinden. Die gemeinsamen Ministerien und die gemeinsame Armee müssen aufgelöst werden. Eine wichtige Frage wird auch sein, welchen Status die StaatsbürgerInnen im jeweiligen anderen Land haben. Müssen beispielsweise StudentInnen aus Montenegro Studiengebühren bezahlen?

Auch für die Tatsache, dass Serbien jetzt keinen Zugang zum Meer hat, muss eine Lösung ausgearbeitet werden. Ich schätze, dass Podgorica vernünftig genug ist, um möglichst wenige Barrieren zwischen Serbien und Montenegro aufzubauen. Zum Beispiel könnte man einen privilegierten Zugang zu den Häfen Kotor oder Bar garantieren.

derStandard.at: Hat Montenegro alleine tatsächlich bessere wirtschaftliche und politische Chancen?

Altmann: Es gibt ein Thema, bei dem sich die Ausgangslage Montenegros durch die Unabhängigkeit sicher verbessert. Das ist der Weg in Richtung EU-Assoziierung. Serbien ist ja in dieser Hinsicht durch die Nicht-Auslieferung von Mladic blockiert. Das war auch einer der Gründe, warum letztendlich doch eine Mehrheit für die unabhängigkeit Montenegros zustande kam. Wirtschaftlich ist Montenegro eigentlich das schwächere Land und kann sich vorerst nur auf den Tourismus stützen.

derStandard.at: Serbien, ein Handelspartner von Montenegro, wird nun hinter einer Staatsgrenze liegen. Ist das ein Problem?

Altmann: Montenegro war auch bisher wirtschaftlich mit Serbien nicht mehr so eng verbandelt. Wenn man sich die Ex- und Importe ansieht, dann gehen diese eher Richtung Westen. Bei den Exporten ist Italien bei weitem der größte Partner mit 50 Prozent.

derStandard.at: Wird Montenegros Wirtschaft die Unabhängigkeit aushalten?

Altmann: Es gibt zwei kritische Bereiche und zwar im Bereich der Außenhandelsbilanz und im Staatsbudget, die ja defizitär sind. Das sind auf Dauer Schwachpunkte, die man in den Griff bekommen muss. Auf der anderen Seite hat Montenegro gegenüber Serbien durch die Anbindung an den Euro und eine nicht allzu exzessive Ausgabenpolitik deutlich weniger Inflation. Die Wirtschaft ist trotzdem eher schwach.

Montenegro hofft, dass durch die geklärten Verhältnisse mehr Investoren ins Land kommen. Und immerhin sind den letzten Jahren pro Kopf mehr Investitionen nach Montenegro als nach Serbien geflossen. Montenegro kann aber als Standort nur attraktiv sein, wenn es sich vernünftig in die regionale Kooperation eingliedert. Wenn man von dort aus auch Kroatien, Bosnien oder auch Serbien mitbedienen.

derStandard.at: Besteht nach dem Referendum die Gefahr von Unruhen oder Protesten? Schließlich stimmten 45 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib bei Serbien? Was ist vom proserbischen Lager zu erwarten?

Altmann: Vor dem Referendum wurden ja Gespräch mit Unionisten wie Separatisten geführt und man hat sich versichert, dass man das Ergebnis akzeptieren würde. Was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht Proteste kleinerer radikaler Gruppen geben kann. Das hängt sicher auch davon ab, wie schnell die Gespräch zwischen Belgrad und Podgorica beginnen und wie vernünftig und liberal die Ergebnisse sind.

Franz-Lothar Altmann leitet den Balkanschwerpunkt der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. Er ist Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. und Vorstandsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft.

Das Gespräch führte Manuela Honsig-Erlenburg

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