Und Serafin rief: "Wunderbar"

12. Juni 2006, 16:38
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Der Life Ball ist unkritisierbar - Berichterstattung heißt Jubel - Zum Teil zu Recht

Eines der Wesensmerkmale des Wiener Life Ball ist es, zu einem unkritisierbaren Event geworden zu sein: Die Mischung aus Wohltätigkeit und echtem Prominentenauflauf lässt jede kritische Anmerkung kleinlich, spießbürgerlich oder gar gegen den Anlass der Veranstaltung gerichtet wirken. Und weil das niemand sein will, gilt, dass der Life Ball super ist.

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Der Life Ball war heuer das Schlaraffenland: Den Weg zu Modeschau und Party musste man sich hart erarbeiten. Aber das wurde erst auf halber Strecke klar. Als die anfangs amüsant-breiige Operettensüße, durch die es sich zu graben galt, zum klebrigen Brei wurde, der Ohren und Augen zupappte. Und, so schien es, nie wieder aufhören würde.

Models und Models

Doch irgendwann war man dann durch. Durch den Brei. Also den Operettenauftakt. Dann machte es "Bumm". Und Naomi Campbell bewies auf dem Laufsteg, dass es einen Unterschied zwischen Models und Models gibt. Eine halbe Stunde später, als die Modeschau (die beste der letzten 14 Jahre) vorüber war, durfte dann Harald Serafin "Wunderbar!" über den Rathausplatz schmettern - aber da war der zähe Anfangs-Operettenbrei längst vergessen. Denn Gery Keszlers 14. Aids-Charity-Nacht war toll.

Obwohl: Das heißt nichts. Denn zu den Wesensmerkmalen des Life Ball gehört es, super zu sein. Durch und durch: Der Life Ball ist unkritisierbar. Berichterstattung heißt Jubel. Zum Teil zu Recht.

Zum einen wegen Idee und Sache: Mit einem Fest ein europaweit sichtbares Signal gegen die Ignoranz zu setzen, ist schon was. Das in einem Regierungsgebäude zu tun und (konservativ geschätzt) eine Million Euro für Aidshilfegruppen einzuspielen auch: So was hinterfragt man nicht. Das wäre nämlich miesepetrisch. Mindestens.

Weltprominenz

Schließlich ist da ja auch die Weltprominenz: Österreich fühlt sich ja schon als global wahrgenommene Lebensfreude-Nation, wenn am Opernball Miet-Stars aus Logen winken. Was anderes als Serafins "Wunderbar!" darf man dann zum Life Ball sagen? Sharon Stone bricht auf dem Laufsteg fast in Tränen aus. Catherine Deneuve überreicht Aids-Ärzten 100.000 Euro. Naomi Campbell ist nicht zickig. Renzo Rossos Kult-Modelabel Diesel "rockt" - unterstützt von Anastacia und Nina Hagen - einen mit 40.000 Zaun- und 4000 Ballgästen proppenvollen Rathausplatz. Und im Rathaus wird vorexerziert, wie man Lebenslust heute definiert. Besser: definieren kann.

Das ist so super, dass anderes nicht gilt: Etwa dass der Life Ball mit all seiner Branding-Orgie längst als Exempel für "Overbannering" und "werblich-ästhetische Umweltverschmutzung" herhalten kann: Wenn etwa ein überdimensionales, von Nackten bevölkertes Kaffeehäferl über den kameraflankierten "Red Carpet" hereingetragen wird. Oder wenn sich bodygepaintete "Besucher" mit einem Bäcker-Logo naturgesetzartig in den Interview- und Fotozonen ins Bild schieben. Die Frage nach der Relation zwischen Sponsoring-Kosten (die gute Sache!) und der Werbewirkung ist unzulässig. Das macht man heute eben so. Beim Life Ball halt "ad nauseam".

Nur ein Begleiter

Dass Politiker da nicht nachstehen, ist klar: Finanzminister Karl-Heinz Grasser etwa "begleitete" seine Gattin, den 40.000 laut verkündet, über den roten Prestige-Teppich. Die Frage, ob es nicht ein bisserl peinlich ist, dass viele Aids-Hilfsorganisationen ohne Keszlers "private" Wohltätigkeitsveranstaltung zusperren könnten, stellen Klatschreporter nicht. Politische Fragen gehören in andere Ressorts - und Grasser war ja nur als Begleiter hier. Privat. En passant soll Grassers Sprecher - selbstverständlich auch privat hier - einer Journalistin angedeutet haben, dass KHG nach der Eröffnung gleich wieder zu gehen gedenke.

Tausend andere hätten Grassers Tickets (vermutlich aus dem Sponsoren-Ticketblock des Hauses Swarovski) ausführlicher genutzt. Und dafür wohl auch selbst bezahlt. Aber mit zum Bild des Balles gehört, dass es alle Jahre wieder dieselbe Klientel hineinschafft, während andere nie an Karten kommen. Außerhalb des Kreises der Zugelassenen wird da gerne Böses gemauschelt.

"Szene"-Inventar

Dabei ließe sich das Mysterium sogar schlüssig klären: Ins Rathaus dürfen 4000 Menschen. Inklusive "Personal": Models, Betreuer, Kellner, Securities, DJs, Musiker und so weiter. Das - man kann nur schätzen - dürfte eine vierstellige Zahl ausmachen. Ein Großteil dieser Gruppe ist "Szene"-Inventar. Darüber hinaus wollen auch Sponsoren Geschäftspartnern und Gästen zeigen, in welch schriller Szene sie präsent sind. Dazu kommen diverse Promotionskräfte, (teuer verkaufte) VIP-Tickets sowie Stars samt Tross. Wohl noch eine vierstellige Gruppe. Damit der Ball "szenig" bleibt, müssen noch Kontingente für bunte Vögel ("Style-Tickets") und die Gay-Szene reserviert werden. Wie viele Tickets da für "Normalos" wohl übrig bleiben?

Aber zum Glück sind die, auf die es ankommt, wenn es um das Ball-Bild geht, ohnehin mit an Bord: 500 Journalisten dürfen ins Rathaus - eine Vielzahl buhlt um Einlass. Auch mit Wohlverhalten. Schließlich will das eigene Publikum auch nächstes Jahr authentisch eines bestätigt bekommen: Der Life Ball ist super. Ohne Abstriche. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Prinatausgabe 22.5.2006)

von Thomas Rottenberg
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    foto: standard /regine hendrich
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  • Zu Gery Keszler kommen Promis, von denen der Opernball nur träumen kann: Sharon Stone, Naomi Campbell oder Nina Hagen etwa - und Catherine Deneuve

    Zu Gery Keszler kommen Promis, von denen der Opernball nur träumen kann: Sharon Stone, Naomi Campbell oder Nina Hagen etwa - und Catherine Deneuve

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