Spektakel in Orange als Kampf ums Comeback

1. Juni 2006, 15:15
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Für den Wahlkampfchef der Sozialdemokraten steht auch persönlich viel auf dem Spiel

Blau gegen Orange: Seit Wochen liefern sich diese beiden Farben in Tschechien einen erbitterten Kampf um jede Wählerstimme. Die Blauen, das sind die oppositionellen rechtsliberalen Bürgerdemokraten (ODS), die sich erstmals ohne ihren Gründer, den heutigen Staatspräsidenten Václav Klaus, behaupten wollen. Das trendige Orange hingegen haben die regierenden Sozialdemokraten (CSSD) von Premier Jirí Paroubek besetzt.

Und das mit voller Wucht. Orange sind ihre Wahlplakate, die Krawatten und Hemden der Parteitagsdelegierten wie auch die Innenausstattung von Veranstaltungssälen. Selbst ein Doppeldeckerbus, den sich die CSSD von ihren britischen Labour-Genossen geliehen hat, wurde orange angestrichen. Der Regisseur dieses Spektakels in Orange ist jedoch nicht Gernot Rumpold, sondern der 37-jährige Jaroslav Tvrdík.

Das Engagement des ehemaligen Berufsoffiziers, der von 2001 bis 2003 tschechischer Verteidigungsminister war, könnte sich im Nachhinein als eines der größten Comebacks der tschechischen Politik entpuppen. Für Tvrdík selbst steht nicht weniger auf dem Spiel als seine eigene Rehabilitierung vor dem sozialdemokratischen Parteivolk.

Einst, als er als Quereinsteiger die Uniform ablegte und Minister wurde, galt er zusammen mit dem späteren Regierungschef Stanislav Gross als eine der großen Zukunftshoffnungen der Partei. Doch im zermürbenden Kampf gegen die anhaltende Reduzierung des Verteidigungsbudgets gab Tvrdík bald auf und enttäuschte somit die Parteibasis. Als dann aber für den Exminister ein Versorgungsposten an der Spitze der tschechischen Fluggesellschaft CSA gefunden wurde, war er zwar mit einem Monatsgehalt von 250.000 Kronen (8600 Euro) finanziell abgesichert, in der Partei jedoch abgeschrieben.

Zur Jahreswende legte der wegen schlechter Unternehmenszahlen unter Beschuss geratene Tvrdík sein Amt nieder und wurde von Regierungschef Paroubek als Wahlkampfleiter engagiert. Inoffizieller Patron der sozialdemokratischen Kampagne wurde Deutschlands Exkanzler Gerhard Schröder. Zum Wahlkampfauftakt ließ Tvrdík Schröder zusammen mit Paroubek den wohl tschechischsten aller tschechischen Berge, den Hügel Ríp, etwa 20 Kilometer nördlich von Prag, besteigen. Der Legende zufolge soll dort in ferner Vergangenheit der "Urvater Tschech" seinen slawischen Brüdern und Schwestern befohlen haben, sich in dem "blühenden Land" niederzulassen.

Jetzt prophezeiten Schröder und Paroubek den Wahlsieg der tschechischen Sozialdemokraten. Vielleicht war die Hoffnung im Spiel, dass den Genossen an der Moldau angesichts des konstanten Rückstands auf die Bürgerdemokraten eine ähnliche Aufholjagd gelingen könnte wie im Vorjahr Schröders SPD. (DER STANDARD, Print, 22.5.2006)

Robert Schuster aus Prag
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