Reportage: Frühe Siegesfeiern

3. Juni 2006, 20:37
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Ein Stimmungsbild aus der Kleinstadt Budva - "Ich möchte montenegrinische Autokennzeichen"

"Ja", kreuzt Marko Pavlovic auf dem Wahlzettel an. "Ja" für ein unabhängiges, europäisches Montenegro. Er hat neulich eine Wohnung in Belgrad gekauft, wo er im Winter lebt. Den Sommer verbringt er in der mittelalterlichen montenegrinischen Küstenstadt Budva. Dort betreibt er im Familienhaus das bekannte Café "Casper". Es ist eine obligatorische Adresse für junge Belgrader. Serbische DJ-Stars treten regelmäßig bei Marko auf. Samstagnacht spielt der berühmte DJ Acim im randvollen Garten. Diesmal kommt nur lokales Publikum. Gäste aus Serbien haben Angst vor der überhitzten Stimmung in Montenegro.

Am Wahlsonntag bleibt "Casper" jedoch geschlossen. "Für alle Fälle", erklärt Marko, der an der Belgrader Universität ein Kunstgeschichtestudium absolviert hat. Wie in ganz Montenegro ist auch die Bevölkerung in Budva in "Sezessionisten" und Unionisten gespalten. Die Stimmung ist gespannt. Man kennt sich in der Kleinstadt, man weiß, welche Familien für und welche gegen die Staatengemeinschaft mit Serbien sind. Verfeindete Gruppen könnten unter Alkoholeinfluss aufeinander losgehen und größere Krawalle auslösen.

Abrechnung später

"Ich möchte nicht länger, dass Montenegro von den zahlreichen Problemen in Serbien belastet wird, ich möchte montenegrinische Autokennzeichen und einen montenegrinischen Pass haben", sagt Marko. Wie viele andere ist auch er gegen die "undemokratische" Regierung von Premier Milo Djukanovic, die sich an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung gestellt hat. Jetzt sei es aber wichtig, die lang ersehnte Unabhängigkeit zu erlangen. Innenpolitische Abrechnungen können warten.

Marko versteht die ganze Aufregung wegen des Referendums nicht. Er ist überzeugter Montenegriner, liebt aber Belgrad und will nach wie vor einen Teil seines Lebens in Serbien verbringen. Es gebe keinen Grund, dass sich die Beziehungen zwischen Montenegrinern und Serben verschlechtern, wenn sie in jeweils eigenen Staaten leben, sagt Marko. Extremistische Politiker seien an der Zuspitzung schuld.

Ruhig - vor dem Sturm?

Es ist ruhig an diesem sonnigen, warmen Sonntagvormittag. Die Ruhe vor dem Sturm, glauben viele. Die Vorsaison läuft schlecht, aus Angst vor Unruhen bleiben Touristen aus. Feierlich gekleidet gehen die Menschen zu den Urnen. Anhänger der Souveränität bleiben möglichst beieinander, sprechen von einem "historischen Tag". Das Ergebnis wird erst für die späten Nachtstunden erwartet, der Ausgang aber nach allgemeiner Erwartung auf jeden Fall knapp. Die von der EU festgelegte Mindestmarke für die Unabhängigkeit beträgt 55 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Jede Stimme zählt, hört man in beiden Blöcken. Aus Serbien reisen massenhaft wahlberechtigte Montenegriner an, die hauptsächlich für das Fortbestehen der Staatengemeinschaft sind. Sie können kostenlos mit Bus und Bahn fahren. Unklar ist geblieben, ob die serbische Regierung die Reisekosten übernommen hatte. Auf der anderen Seite hat die montenegrinische Fluggesellschaft "Montenegro Airlines" alle Flüge nach Belgrad abgesagt. Die Maschinen werden für tausende Gastarbeiter gebraucht, die größtenteils für die Unabhängigkeit stimmen werden.

Marko, der nur wegen des Referendums nach Hause gefahren ist, bereitet sich jedenfalls auf eine große Siegesfeier am Sandstrand Jaz in der Nähe von Budva im "unabhängigen Montenegro" vor. In der alten Hauptstadt Cetinje, der Hochburg der Sezessionisten, feiert man unterdessen schon am Sonntagnachmittag den Sieg. (Andrej Ivanji aus Budva, DER STANDARD, Printausgabe 22.5.2006)

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    Stimmabgabe in Budva.

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