Lesung: "Ich habe richtig Heimweh nach Dir!"

27. Mai 2006, 14:32
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Hannah Arendt - Mary McCarthy: Ihr Briefwechsel als Lesung im Jüdischen Museum

Wien - Im Vertrauen lautet der treffende Titel, unter dem vor einiger Zeit der Briefwechsel zweier großer Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts im Münchner Piper Verlag erschien: Knapp dreißig Jahre lang, von 1949 bis an ihr Lebensende, 1975, hatte die deutsch-jüdische, 1940 in die USA emigrierte Philosophin Hannah Arendt sich mit ihrer in Seattle/Washington geborenen amerikanischen Freundin, der Autorin Mary McCarthy - Telefon und räumlicher Nähe zum Trotz - schriftlich ausgetauscht.

Ereignisse von öffentlicher Relevanz - etwa der Vietnamkrieg, gegen den Mary McCarthy als eine der ersten Stellung bezog - rangierten gleichwertig neben privatesten Gefühlen als Gegenstand der philosophischen Reflexion. Auch das Vertrauen in die Freundschaft selbst, das zu verlieren Mary McCarthy wiederholt drohte, wurde Inhalt tief gehender Betrachtungen - in deren Folge es offenbar so erstarkte, dass es beiden Frauen half, einander in ihren schwersten Krisen zu stärken:

Etwa im Jahr 1963, in welchem jede sich schwersten öffentlichen Angriffen ausgesetzt sah: Hannah Arendt, die für den New Yorker den Eichmann-Prozess in Jerusalem mitverfolgt hatte und ihre Beobachtungen im Mai jenes Jahres unter dem Titel Eichmann in Jerusalem. Bericht von der Banalität des Bösen veröffentlichte. Sowohl ihre These von der Banalität des Bösen als auch ihre kritischen Anmerkungen zu der Rolle der Judenräte in den Konzentrationslagern waren heftigst umstritten.

Kaum weniger massiv waren die Anfeindungen, mit denen sich Mary McCarthy im August 1963 konfrontiert sah - als Reaktion auf ihren Roman The Group (Die Clique). Die sexuelle Freimütigkeit, mit der McCarthy die misslungenen Emanzipationsbemühungen einer Gruppe von neun ehemaligen Studentinnen beschrieb, kam dem protestantischen Amerika um einige Jahre zu früh - erst rund ein halbes Jahrzehnt nach Erscheinen des Werks brach die nächste Generation auf in die wilden Siebziger.

Leider ist der Briefwechsel momentan vergriffen. Desto erfreulicher, dass die Schauspielerinnen Dagmar Schwarz und Therese Affolter heute, Montag, im Jüdischen Museum der Stadt Wien einen Leseabend daraus gestalten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22.5.2006)

Von
Cornelia Niedermeier

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    Ihrer Zeit voraus: Autorin Mary McCarthy - Unangepasst in ihrem Denken: Hannah Arendt

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