Börsen-Billard über drei Banden

27. Juli 2006, 14:07
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New Yorker Börse will Euronext um rund 10 Milliarden Dollar übernehmen, zuvor wollte Frankfurt einsteigen

Paris - Die Aktionäre der Vierländerbörse Euronext (Frankreich, Holland, Belgien, Portugal) müssen heute, Dienstag, eine historisch Entscheidung fällen: Zur Debatte steht die Bildung der ersten transatlantischen Börse, die wegen der Zeitverschiebung einen Aktienhandel rund um die Uhr ermöglichen würde.

Der Aktionärsversammlung in Amsterdam unterliegt ein brandneues Übernahmeangebot der New York Stock Exchange (NYSE) für acht Mrd. Euro. Diese größte Aktienbörse der Welt interessiert sich vor allem für das Derivatgeschäft von Euronext. Die‑ NYSE bietet damit für Euronext rund ein Drittel mehr Geld als die Deutsche Börse, die seit zwei Jahren Gespräche über einen kontinentaleuropäischen Zusammenschluss führt. Euronext-Chef Jean- François Théodore hat sich mit dem Antrag aus Frankfurt nie anfreunden können und suchte Alternativen.

Dafür überließ Théodore der Börse von Dubai unlängst ein Prozent des Euronext-Kapitals – offenbar, um sich gegen die Avancen der Deutschen Börse zu wappnen.

Auch Pariser Geldgeber befürchten von dem integrierten Börsensystem in Frankfurt höhere Abwicklungskosten. Darunter sind etwa die Pariser Banken BNP Paribas, Crédit Agricole, Société Générale, Dexia und CDC, die an Euronext rund zehn Prozent halten, oder ein Aktionärsverbund aus Konzernen wie France Télécom, Axa oder Suez, die auf etwa fünf Prozent der Anteile kommen. Sie befürworten die "Variante‑ NYSE"; für die Variante "Frankfurt" sind hingegen angelsächsische Hedge Funds wie Atticus Capital oder The Children's Investment Fund, die zusammen gut 17 Prozent der Anteile halten.

Paradoxon

Damit kommt es zum Paradoxon, dass die französischen Interessen heute eher Richtung Wall Street neigen, während die amerikanischen Euronext-Aktionäre eher die Deutsche Börse (DB) bevorzugen. Die Regierung in Paris ist gespalten. An sich würde sie eine "deutsch-französische Lösung" vorziehen; aber langsam glaubt sie, dass Euronext unter amerikanischer Flagge besser fahren würde. Denn die NYSE schlägt ein föderatives Modell vor, bei dem die Finanzplätze Paris oder Amsterdam relativ unabhängig blieben; NYSE-Boss John Thain würde zwar Chef der transatlantischen Börse, aber der Franzose Théodore würde das europäische Standbein wie bisher leiten.

Das integrierte Silo-Modell der Deutschen Börse (DB) würde den Euronext-Mitgliedern weniger Freiheiten belassen. DB-Chef Reto Francioni bezeichnete sein Übernahmeangebot als "Partnerschaft" und will Paris den Aktienhandel überlassen. Am Wochenende stellte er aber unnötigerweise klar, er selbst würde nach einer Übergangszeit Chef der Fusionsbörse und deren Sitz wäre Frankfurt. Damit brüskierte er Paris und erreichte das Gegenteil des erstrebten Zwecks; die Franzosen befürchten nun umso mehr, von Frankfurt geschluckt zu werden.

Wer bei der Euronext-Aktionärsversammlung den Zuschlag erhalten wird, ist offen; möglicherweise geben die Aktionäre Théodore auch ein Mandat für weitere Verhandlungen, um den Einsatz hochzutreiben. Klar ist aber, dass die Deutsche Börse ihre guten Argumente in Paris zu wenig gut anbrachte. Francioni pokert mit hohem Einsatz – und droht bei der Börsenkonsolidierung, allein zu bleiben. Angesichts dieser Gefahr sagte der Sprecher der deutschen Regierung am Montag noch einmal, wie "sinnvoll" eine innereuropäische Lösung wäre. (Stefan Brändle, Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.5.2006)

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    Der New Yorker Börsenbulle von der Wall Street hat Appetit auf die Vierländerbörse Euronext.

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