Dialog-Konferenz: Bassam Tibi für "Euroislam"

6. Juni 2006, 12:47
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Diskussion über Vereinbarkeit von europäischen Werten und Islam - Schakfeh: Muslime sind für Demokratie und Säkularisierung

Wien - Die Frage, ob es eine europäische Version des Islam gibt, ist am Freitagnachmittag bei der Konferenz "Dialog der Kulturen und Religionen" in Wien diskutiert worden. Der Islamwissenschafter der Universität Harvard, Bassam Tibi, vertrat die Ansicht, dass der Islam flexibel sei. Er sprach von einem "Euroislam". Dem widersprach der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Anas Schakfeh: "Es gibt keinen europäischen Islam, wie es keinen afrikanischen, asiatischen oder türkischen gibt." Es gebe zwar regionale Prägungen. Die Religion sei aber universal.

Schakfeh, Tibi und auch das Oberhaupt der Moslems in Bosnien-Herzegowina, der Reis ul-Ulema, Imam Mustafa Ceric, waren sich einig, dass europäische Werte und Islam in Einklang zu bringen sind. Der Islam stehe nicht grundsätzlich im Widerspruch zu dem Wert des Lebens, dem Wert der Freiheit, der Religion, der menschlichen Würde und dem Wert des Besitztums, so Ceric.

Reformen

Demokratie und die Einhaltung von Menschenrechten seien im Islam möglich, auch wenn dies bestimmte Reformen bedürfe, ergänzte Tibi. Die Ansicht, dass der islamische Glaube nicht von der Politik getrennt werden könne, sei eine "fundamentalistische Interpretation" des Islam. Er wird von islamischer Seite teilweise kritisiert, da er als Vorreiter des "Leitkultur"-Denkens in Deutschland gesehen wird.

Auch Ceric sagte: "Ich glaube, es ist möglich, die Religion von der Politik zu trennen." Aber: "Ich glaube, dass es nicht möglich ist, Politik von Religion zu trennen". Er erklärte: "Muslime wissen nicht, wie man das trennt." Die Teilung der Welt - "hier ist Gott und dort ist der König" - sei "nicht drinnen im Islam". Die Scharia sei nicht nur Strafrecht, sie beinhalte auch Werte, die das Zusammenleben der Menschen regeln.

Säkularisierung des Staates

Schakfeh betonte: "Selbstverständlich sind wir für Demokratie, für die Säkularisierung des Staates". Und: "Selbstverständlich gibt es kein Privatstrafrecht. Nur der Staat hat das Monopol auf Gesetzgebung und Rechtsprechung". Es gebe allerdings "eine kleine Minderheit", die dies nicht anerkenne. Mit dieser Minderheit müsse sich der Staat "auseinandersetzen. Wir unterstützten den Staat dabei."

Unterschiedlich waren auch Meinungen darüber, inwiefern Muslime in Europa integriert sind: "Viele Muslime wollen sich nicht integrieren, viele wollen die Muslime nicht integrieren", sagte Tibi, der selbst in Damaskus aufgewachsen ist. "Das Problem der Integration liegt nicht nur an den Europäern, es liegt auch an uns." Und: "Es gibt Islamophobie in Europa, aber es gibt auch Westphobie in islamischen Ländern. Beide müssen sich verändern." Tibi erzählte von einem entsprechenden Forschungsprojekt und warnte: "Entweder wird der Islam europäisiert, oder Europa wird islamisiert." Vor diesem Problem dürfe man seine Augen nicht verschließen.

In europäischer Tradition

Schakfeh konnte diese Ansicht nicht teilen: Mindestens 30 Millionen Muslime seien in europäischer Tradition aufgewachsen. "Bosniaken sind Europäer", ebenso wie Albaner, Mazedonier oder muslimische Russen.

Alain Brun, Leiter der Abteilung "Unionsbürgschaft und Grundrechte" bei der Europäischen Kommission betonte, dass Integration ein reziproker Prozess sei und sowohl die Aufnahmegesellschaft wie auch die Neuzukommenden einschließe. "Das Gefühl, diskriminiert zu sein, ist etwas, das sehr schädlich ist". Brun kündigte an, dass die EU-Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit demnächst, möglicherweise noch im Juni, eine Studie über Islamophobie herausgibt.

Der Direktor der österreichischen Schule in Istanbul, Franz Kangler, sagte in diesem Zusammenhang: "Ich hoffe, dass Europa keine Mauern zum Islam hin baut". (APA)

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