War das Genie auch irgendwo unterentwickelt?

26. Mai 2006, 16:20
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Ihre Fragen zu W.A.M. - Kurt Palm antwortet

Bertram Moosmann fragt, ob das Genie Mozart in Bereichen, welche nicht seine Musikalität betrafen, unterentwickelt war.



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Die erfolgreichen Versuche, Mozarts Widersprüchlichkeiten zu eliminieren und ihn stattdessen zu einem unangreifbaren Genie hochzustilisieren, setzten bereits unmittelbar nach seinem Tod ein. Diese Glättungen wurden von einer harmoniesüchtigen Nachwelt stets dankbar angenommen und bildeten die Voraussetzung dafür, dass sich jede Epoche ihr eigenes MozartBild nach Gutdünken zurechtzimmern konnte. Auf diese Weise hat man den Komponisten zum Zwecke der Kriegshetze ebenso missbraucht wie als Namensgeber für Würste, Schokoladekugeln oder Waschmaschinenentkalker.

Dass diese Art der Vereinnahmung nur deshalb funktionieren konnte, weil man den Menschen Mozart vom Künstler Mozart trennte, versteht sich von selbst. In bester christlicher Tradition hat man das Fleisch negiert und stattdessen dem Geist gehuldigt. In diesem Kontext kommt dem Umstand, dass Mozarts Leichnam schon bald nach seinem Begräbnis nicht mehr auffindbar war - er also gleichsam wie Christus direkt in den Himmel fuhr -, eine besondere Bedeutung zu. Im Brief des Apostels Paulus an die Römer heißt es über den ewigen Kampf des Fleisches mit dem Geist: "Das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen."

In einem mit "Wolfgang Romatz" unterzeichneten Brief an seinen Freund Abbé Joseph Bullinger schrieb Mozart am 7. August 1778 aus Paris: "machen sie ihr möglichstes, daß die Musick bald einen arsch bekommt - denn das ist das nothwendigste; einen kopf hat sie izt - das ist eben das unglück!" Mozart machte damit deutlich, dass für ihn der "Arsch" in der Musik als Synonym für das Lebendige wichtiger war als der "Kopf", der wohl für das Vergeistigte und Weltabgewandte stand. Man könnte in diesen Überlegungen Mozarts auch ein Plädoyer für die Leiblichkeit sehen, die im Gegensatz zur Sterilität des Geistigen steht. Das ist auch der Grund, weshalb ich das Wort "Genie" im Zusammenhang mit Mozart nicht mehr hören kann. Mozart war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Punkt. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.5.2006)

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