Was die Engländer alles aushecken

7. Juni 2006, 16:13
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Im Süden Englands wird man jene Gärten finden, welche die Ideen für die florierenden Gartenshows liefern

Auf der Chelsea Flower Show, die kommenden Dienstag in London beginnt, werden Hobbygärtner wieder erfahren, wie der eigene Garten im Idealfall aussehen könnte. Der Showgarten, der jedes Jahr den State of Art im Gartendesign und neue Pflanzenzüchtungen präsentiert, kommt allerdings keineswegs an jene Anlagen Englands heran, die man auf einer gemütlichen Tour durch den Süden selbst ausgraben kann.

Im wetterbeständigeren Teil der Insel findet sich angenehmerweise auch so etwas wie die Hitparade der berühmten Gärten: Sissinghurst Castle & Gardens in Kent, und Hestercombe Gardens in Somerset gehören mit Sicherheit dazu. Auch wenn man in Sissinghurst erst am späteren Nachmittag die Beete wieder zwischen den Besucher-Trauben wahrnehmen kann, ein Besuch bei Vita Sackville-Wests Gärten lohnt sich allemal. Liebe zum Detail und harte Arbeit wird man hier bewundern können, wo man geht und steht - vorausgesetzt, man steht nicht mitten drauf.

Gartenpoesie

Besonders bemerkenswert ist hier die Vielfalt der Pflanzen, die die Gärten von Sackville-West und ihrem Ehemann Sir Harold Nicolson deutlich voneinander unterscheidet. So findet sich neben dem üppigen Rosengarten auch beispielsweise der italienisch inspirierte "Lime Walk" oder der "White Garden", der ausschließlich weiß blühende Pflanzen beherbergt. Zwischen diesen Gärten schießt ein beeindruckender Doppelturm in die Höhe, der zu den ältesten Teilen dieses Anwesens gehört. Vita Sackville-West verbrachte in der obersten Etage viel Zeit und gestattete nur wenigen Besuchern den Zutritt. Heute allerdings darf hier jeder hinauf, und es lohnt sich allemal, denn von der Plattform kann man die wunderbare Aussicht auf die Gärten genießen und sieht bei klaren Wetterverhältnissen sogar bis Canterbury. Die Poesie Sissinghursts mag wohl auch mit Vita Sackville-Wests Persönlichkeit zu tun haben, war sie es doch, die ihre Geliebte Virginia Woolf zum surrealen Roman Orlando inspirierte. Sackville-West selbst hatte allerdings auch eine Muse, denn bei ihrer Gartenarbeit wurde sie wie viele andere auch von der ungekrönten Königin englischer Gärten maßgeblich beeinflusst - von der Malerin Gertrude Jekyll.

Jekyll-und-Hyde-Parks

Jekyll wiederum hatte wohl nur eine indirektere Nähe zu englischer Literatur als Sackville-West: Der Schriftsteller Robert Stevenson war ein Freund ihres Bruders und "lieh" sich lediglich dessen Namen für seinen Klassiker "Dr Jekyll & Mr Hyde". Wirklich bekannt wurde Gertrude aber nicht durch den Horrorschinken, sondern mit ihrer Malerei. Und natürlich mit der Entwicklung farblich einzigartig abgestimmter Staudenbeete, die sie zur maßgeblichsten Gärtnerin Englands und auch zur Inspiration für viele Gartengestalter bis ins 21. Jahrhundert machten. Heute sind in England allerdings kaum noch Gärten zu finden, wie sie Jekyll ursprünglich bepflanzte, somit sind die Hestercombe Gardens die zweite wirklich lohnende Station hier im Südwesten. Denn der Garten in der Nähe von Taunton ist einer der wenigen, den man noch als "echten Jekyll" bezeichnen kann. Jekylls Pflanzungspläne werden hier seit den 1970er-Jahren wieder vermehrt aus den Archiven geholt und fürsorglich umgesetzt. Die Vermutung, der Londoner Hyde-Park wäre nur ein verwilderter Jekyll-Garten, liegt somit zwar nahe, ist allerdings haltlos. Jeder, der den gepflegten Park kennt, wird dies bestätigen.

Hestercombe hat auch den Vorteil, dass man hier das ganze Jahr durch die weitläufige Anlage und den üppigen, fantasievollen Edwardian Garden flanieren kann. Das ist bei den zum Teil recht beschränkten Öffnungszeiten eher eine rühmliche Ausnahme. Im von der Jahrhundertgärtnerin gemeinsam mit dem Architekten Edwin Lutyens entworfenen Garten wird man auch auf Jekylls berühmte Staudenbeete stoßen. Was sie als Malerin begonnen hat, setzte sie hier mit im Wortsinn lebendigen Farben und in wunderbar klarer Anordnung um.

Blühende Geschichte

Der Spaziergang durch die Gärten ist gleichzeitig auch ein höchst entspanntes Wandeln durch die englischen Stilepochen. Ein endlos scheinender Georgian Garden, der durch seine Teiche und Wasserfällen beeindruckt, findet sich hier ebenso wie ein kleiner, aber feiner viktorianischer Garten. Hestercombe House beherbergt heute übrigens die Verwaltung der örtlichen Feuerwehr und ist für die Öffentlichkeit überhaupt nicht zugänglich. Schade, aber auch verständlich, denn irgendjemand muss diese imposanten Gärten schließlich auch ordentlich spritzen.

In England blüht und gedeiht allerdings nicht nur die Gartenkultur, sondern bekannterweise auch die Tradition der Frühstückspensionen. Wer denn auch im Grünen wohnen will und keine Gelegenheit zum Fachsimpeln im Vorgarten verpassen will, sollte sich die aktuelle Ausgabe des "AA Bed & Breakfast Guide" besorgen (er wird vom englischen Autofahrerklub "The Automobile Association Limited" herausgegeben und ist einfach über Amazon zu beziehen). Bei einer 4- oder 5-Diamanten-Bewertung kann man sich auf höchst komfortable Unterkünfte freuen. (Der Standard, Printausgabe 20./21.5.2006)

Von Evelyn Steinthaler

Info

Visit Britain

RHS
  • Hampton Court in London ist ein nettes Kompendium englischer Gartenkunst - eine blumigere Sprache sprechen dennoch die kleinen Gärten im Süden.
    www.britainonview.com

    Hampton Court in London ist ein nettes Kompendium englischer Gartenkunst - eine blumigere Sprache sprechen dennoch die kleinen Gärten im Süden.

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