Apokalyptische Kaffeefahrt

17. Juli 2006, 16:24
posten

Die meisten Besucher kommen nur als Tagestouristen auf die Dodekanes-Insel Patmos, um das Kloster der Apokalypse zu sehen

Das erste, was wir vom Schiff aus von Patmos sehen, ist eine kleine, weiße Wolke, die über der Insel schwebt. Ein wenig später sieht alles aus wie eine gigantische Portion Cappuccino: Über dem "großen Braunen" scheint ein Obersgupf beachtlichen Ausmaßes zu liegen, abermals gekrönt von etwas Graubraunem. Erst als wir dem Inselhafen Skala schon recht nahe sind, lässt sich das alles identifizieren: Das Braune ist die karge Insel, das Weiße sind die Häuser der Chora, des hoch gelegenen Hauptortes der Insel Patmos, und das darüber hinausragende Graubraune wiederum ist das wie eine düstere Normannenburg wirkende Kloster des Heiligen Johannes.

Ohne dieses Kloster wäre Patmos nichts; durch dieses Kloster ist die nördlichste Dodekanes-Insel, knapp 34 Quadratkilometer groß, mit rund 2400 Einwohnern die faszi- nierendste Insel des ganzen Dodekanes-Archipels überhaupt. Für die Johanniter, die einst die meisten Inseln des Dodekanes beherrschten, hat Patmos, das in der Antike keine besondere Rolle spielte, wohl zu weit abseits gelegen. Patmos ist neben Astipaläa die einzige Insel des Dodekanes, auf der es kein Kastell der Ritter gegeben hat. Größer war die Bedeutung während der 500 Jahre langen Türkenherrschaft: Die Insel musste zwar Steuern nach Istanbul zahlen - im Übrigen wurde sie von den Türken respektiert -, blieb aber weit gehend unbehelligt und konnte einen blühenden Handel und eine prosperierende Seefahrt entwickeln.

Von Piraten abgesehen, denen die buchtenreiche Insel mit ihrer felsigen Küste hervorragende Verstecke bot, ist Patmos eigentlich erst im Zeitalter des Tourismus für Fremde interessant geworden. Die Touristen, fast ausnahmslos Tagesbesucher, die von Rhodos oder Kos herüberkommen, um "Gottes heilige Festung in der Ägäis" zu sehen, prägen heute das Bild von Skala und Chora.

Zu heiß zum Streunen

Am Kai herrscht trotz der Hitze viel Betrieb. Taxis warten da, Reiseleiter halten Namensschilder ihrer Veranstalter hoch, um ihre Leute um sich zu sammeln. Ein paar Frauen bieten Fremdenzimmer an, und einige Hunde, denen es für mehr Betätigung wohl doch zu heiß ist, wedeln pflichtbewusst mit dem Schwanz, rühren sich aber sonst nicht aus dem Schatten. Vor einem Kafenion sitzen ein paar alte Männer beim Tavlispiel, schauen hin und wieder auf und beobachten das Geschehen, das sich da am Hafen abspielt, wenn das Schiff anlegt und die Passagiere noch etwas verloren vor die beeindruckende Kulisse treten.

Wir sollten uns Skala für den Nachmittag aufheben und uns sofort auf den Weg zur Höhle der Apokalypse und zum Kloster begeben, hatte man uns geraten. Wenn die Busse mit den Reisegruppen oben angekommen sind, gibt es manchmal lange Warteschlangen und -zeiten. Zwar ist der altertümliche Linienbus zur Chora hinauf wesentlich billiger und wohl auch unterhaltsamer als das Taxi, dennoch ziehen wir Letzteres aus Zeitgründen vor.

Vorbei an hübschen, aber nicht sonderlich alten Häusern von Skala, an Gärten, aus denen roter Hibiskus herausrankt, geht es rasch der Chora und der Burg entgegen. Wir steigen am Straßenrand aus, um zwischen hoch aufragenden Zypressen auf den leuchtend weißen Komplex des Klosters der Apokalypse zugehen zu können. Das ist eine angemessene Einstimmung auf die Begegnung mit jenem Ort, der unabhängig von allen historischen Ereignissen und Personen mit jener Schrift in Verbindung gebracht wird, die seit rund 1900 Jahren die römische wie die orthodoxe Christenheit berührt: die Apokalypse des Johannes, die Visionen vom Weltuntergang.


Dichtung und Wahrheit, historische Fakten und Mythos vermischen sich bei der Entstehung der "Apokalypse", des letzten Buches des Neuen Testamentes, mehr als beim eigentlichen Mittelpunkt der Insel, dem Johanneskloster. Festzustehen scheint, dass auf der Insel Patmos, die die Römer als Verbannungsort für missliebige Personen nutzten, ein Johannes gelebt hat, der sich bei den römischen Behörden dadurch unbeliebt gemacht haben soll, dass er in Ephesos das Christentum predigte. Entweder wurde dieser Johannes hierher verbannt, möglicherweise zog er sich aber auch freiwillig um 95 nach Christus hierher zurück.

Johannes soll in jener Höhle gelebt haben, die heute stolz als Höhle der Apokalypse präsentiert wird und um die herum später das Apokalypsenkloster gebaut wurde. Seinem Schüler Prochoros soll Johannes - nach römisch-katholischer Überlieferung der Evangelist, der Lieblingsjünger Jesu war, nach orthodoxer vorsichtiger nur als Johannes der Theologe bezeichnet wird - die Visionen der letzten Dinge diktiert haben. Ob die "Apokalypse" indessen überhaupt auf Patmos entstanden ist, bleibt umstritten, auch wenn Patmos ausdrücklich zu Beginn der Schrift erwähnt wird.

Gut bewachte Höhle

Eine Treppe führt vom Klostereingang hinab zur Höhle, vor der ein alter Mönch mit langem, weißem Bart sitzt und sorgsam darüber wacht, dass nur ja kein Besucher die heilige Stätte fotografiert. Im Gegensatz zu manchen anderen orthodoxen Klöstern, wo ein paar Münzen oder Scheine genügen, dem Pfarrer für ein paar Minuten die Augen zufallen zu lassen, hilft hier nichts: Der Pappas bleibt wachsam, auch wenn er mit einigen Kindern am Eingang schäkert.

Der Weg zum Johanneskloster ist von den großen Busparkplätzen aus nicht zu verfehlen. Souvenirläden reihen sich aneinander, dazwischen ein paar Kafenions, dann geht es ein paar Stufen hoch, dem fast feindlich anmutenden Gemäuer entgegen. Fenster hat es kaum, aber drohend wirkende Zinnen. Am Eingang steht der unvermeidliche Korb mit Blusen und Röcken für leicht bekleidete Besucher. Im Gegensatz zu anderen griechischen Klöstern ist hier Selbstbedienung angesagt.

Durch ein gewaltiges Tor kommen wir in einen kleinen Vorhof, ein weiteres Tor ist zu passieren, und plötzlich stehen wir im eigentlichen Innenhof des Klosters und damit in einer völlig anderen, unerwartet freundlichen, hellen, fast heiteren Welt. Der Kontrast könnte größer nicht sein: draußen das abweisende graue Gemäuer, drinnen lichtdurchflutete, ineinander übergehende kleine Höfe, gesäumt von weiß getünchten Häusern. Hier stehen Töpfe mit blühenden Blumen, da überspannen weite Schwibbögen enge Gässchen. Aus der Vorhalle der Hauptkirche leuchten die Fresken heraus, Besucher sitzen um einen plätschernden Brunnen. Dazwischen eilen Mönche mit wehenden schwarzen Gewändern über den Hof, und über allem strahlt der blaue Himmel - Klosteridylle des heiligsten Klosters der griechisch- orthodoxen Kirche.

Weiland privates Eiland

Wir brauchen Stunden, um nur einen ersten Eindruck von dem zu bekommen, was hier 1088 vom Abt Christodoulos gegründet wurde. Der oströmische Kaiser Alexios Kommenos übertrug dafür sogar dem Abt die ganze, damals unbewohnte Insel als Eigentum. Wenigstens ein Dutzend kleiner Gruppen ist unterwegs, in den Kirchen, den Höfen, dem einstigen Refektorium oder im Museum mit seinen unermesslichen Schätzen. Die weltberühmte Bibliothek, deren älteste Bestände noch aus dem sechsten Jahrhundert stammen, ist heute nicht mehr zugänglich. Allzu viele unersetzliche Kostbarkeiten sind über die Jahre verschwunden.

Später mogeln wir uns an den Besuchergruppen und wachsamen Augen der Mönche vorbei, steigen auf die Dachterrasse des Klosters hinauf, hinter den markanten Glockenträger. Die Aussicht von hier oben über die karge, zerklüftete Insel, auf der es nur wenige kleine Siedlungen gibt, aber ein paar wundervolle Badestrände ist faszinierend. Zu einigen dieser Badestrände, die über keine Straße erreichbar sind, fährt jeden Morgen ein Boot für die Sonnenanbeter und Badelustigen.

Ein Spaziergang durch die Chora bietet mehr als die üblichen weiß getünchten Häuschen, denn die sind hier immerhin stattliche Herrenhäuser, die sich reiche Kapitäne und Kaufleute im 17. und 18. Jahrhundert bauen ließen, als Patmos noch ein Zentrum der Seefahrt und des Handels war. Zurück nach Skala steigen wir dann über den breiten, einst für Esel und Mulis angelegten Stufenweg zwischen Zypressen und verwilderten Gärten hinab. Dabei wird der Blick immer großartiger auf diese Melange aus den weißen Häuser von Skala, das blaue Meer und das braune Inselland. Erst als uns gegen Abend das Fährschiff zurückbringt nach Kos, wird uns klar, dass man aus dem "Patmos-Cappuccino" ruhig einen Verlängerten machen kann - für eine eintägige Kaffeefahrt gibt es hier einfach zu viel zu sehen. (Der Standard, Printausgabe 20./21.5.2006)

Von Christoph Wendt

Info

GTP
  • Das Johanneskloster birgt zahlreiche Mosaik-Ikonen von unschätzbarem Wert - noch weit gehend frei zugänglich.
    www.gtp.gr

    Das Johanneskloster birgt zahlreiche Mosaik-Ikonen von unschätzbarem Wert - noch weit gehend frei zugänglich.

Share if you care.