Das tödliche Schweigen brechen

5. Juni 2000, 12:54

Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Frauen - Zahlen und Fakten

Mädchen werden benachteiligt und vernachlässigt: Weltweit "fehlen" rein statistisch mindestens 60 Millionen Frauen. Diese Mädchen und jungen Frauen sind Vernachlässigung und Gewalt zum Opfer gefallen. In vielen Entwicklungsländern übersteigt die Sterblichkeitsrate der Mädchen die der Jungen. Allein in Südasien sterben jährlich eine Million Kinder, weil sie Mädchen sind und aus diesem Grund schlechter ernährt und medizinisch versorgt wurden als Jungen.

Abtreibung und Kindesmord: In zahlreichen Ländern lassen Eltern gezielt weibliche Föten abtreiben. Allein in Indien werden jährlich etwa 10.000 Mädchen in den ersten Lebensjahren ermordet.

Von Bildung ausgeschlossen: Von den über 110 Millionen sechs- bis elfjährigen Kindern, die weltweit nicht zur Schule gehen, sind rund 60 Prozent Mädchen. Die Folge: Zwei Drittel der rund 900 Millionen Analphabeten sind Frauen.

Gewalt im eigenen Zuhause: Gefahr droht Mädchen und Frauen weltweit vor allem im eigenen Zuhause. Sie werden von ihren Familienangehörigen oder Lebenspartnern unter Druck gesetzt, geschlagen, sexuell misshandelt, vergewaltigt oder sogar ermordet. Mit Unterschieden von Land zu Land werden weltweit zwischen 20 und 50 Prozent der Frauen in der häuslichen Umgebung vergewaltigt, geschlagen oder misshandelt.

Misshandlungen: Nach einer Studie in den USA waren dort 28 Prozent der Frauen zuhause schon einmal körperlicher Gewalt ausgesetzt. Laut einer Untersuchung in Nicaragua wurden 52 Prozent der befragten Frauen von ihrem Partner misshandelt. In Kenia gaben 42 Prozent der für eine Studie befragten Frauen an, regelmäßig von ihren Ehemännern geschlagen zu werden. Besonders erschreckend ist die Situation in Südasien: Hier erklären bis zu 60 Prozent der Frauen, zu Hause Schläge erdulden zu müssen.

Sexueller Missbrauch: Viele Fälle sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie oder Verwandtschaft geraten nie ans Licht - die Ehre der Familie ist hier oft wichtiger als die Rechte der jugendlichen Opfer. Studien belegen allerdings, dass sich 40 bis 60 Prozent aller Fälle sexuellen Missbrauchs in der Familie gegen Mädchen unter 15 Jahren richten.

Morde: In Indien werden jährlich über 5000 Frauen ermordet, weil sie oder ihre Familien die Mitgiftforderungen des künftigen Ehemannes nicht erfüllen können. In Pakistan wurden 1999 in einer einzigen Provinz über 300 Frauen von ihren Angehörigen ermordet, weil sie angeblich die „Familienehre“ verletzt hatten.

Seelischer Terror: Körperliche Gewalt ist untrennbar mit seelischem Terror verbunden. Zum Teil üben Familienmitglieder auch gezielten psychischen Druck auf die Mädchen und Frauen aus. Verschiedenen Studien in den USA, in Indien, Bangladesch und anderen Ländern zufolge ist die Selbstmordrate unter misshandelten Frauen bis zu zwölf-mal höher als unter Frauen, die zu Hause keine Gewalt erdulden müssen. Untersuchungen in den USA zeigten, dass misshandelte Frauen vier- bis fünf-mal häufiger psychiatrische Behandlung benötigen als andere Frauen.

Säureattacken gegen Frauen: In Bangladesch und Pakistan werden immer öfter Frauen Opfer von Säureanschlägen, entsetzliche Verletzungen sind die Folge. Allein 1998 übergossen Männer in Bangladesch über 200 Mädchen und Frauen mit Säure aus Autobatterien - zumeist, weil sie abgewiesen wurden.

Vergewaltigungen: In Südafrika wird alle 90 Sekunden eine Frau vergewaltigt, in den USA alle sechs Minuten. Nach Schätzungen werden jedoch in den USA in 85 Prozent der Fälle die Verbrechen nicht der Polizei gemeldet und nur in weniger als fünf Prozent der Fälle die Täter zu einer Haftstrafe verurteilt.

Gewalt im Krieg: Als Teil gezielter Strategien werden Mädchen und Frauen in Kriegen systematisch vergewaltigt und sexuell gefoltert. Nach einer Untersuchung der Europäischen Union wurden zwischen 1992 und 1995 in Bosnien mehr als 20.000 muslimische Frauen vergewaltigt.

Genitale Verstümmelung: Jedes Jahr werden rund zwei Millionen Mädchen an ihren Geschlechtsorganen beschnitten. Das sind fast 6.000 am Tag. Insgesamt sind schätzungsweise 130 Millionen Mädchen und Frauen vor allem in 28 Ländern Afrikas, in einigen Ländern Asiens und des Mittleren Ostens betroffen.

Kinderhandel, Prostitution und Pornographie: UNICEF schätzt, dass Verbrecherringe mit Kinderhandel und -prostitution sowie mit Kinderpornographie weltweit jedes Jahr rund fünf Milliarden Dollar umsetzen. Damit ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern neben dem Drogen- und Waffenhandel eines der lukrativsten illegalen Geschäfte. Betroffen sind überwiegend Mädchen. Die Zahl minderjähriger Prostituierter in den USA wird auf 300.000 geschätzt, in Indien auf 400.000 bis 500.000 und in Brasilien auf 250.000 bis einer halben Million.

Warum Gewalt gegen Frauen?

In vielen Ländern dominieren die Männer im gesellschaftlichen Leben. Vor allem in vielen asiatischen Gesellschaften führen Frauen ein Leben zweiter Klasse. In einigen Ländern wird Gewalt gegen Frauen zudem durch kulturelle Normen und Bräuche legitimiert, die Hemmschwelle für die Anwendung von Gewalt sinkt dadurch.

Familiäre Gewalt wird in zahlreichen Ländern als Privatangelegenheit angesehen oder sogar gesellschaftlich toleriert. Die Tatsache, dass lediglich 44 Staaten bisher Gesetze gegen Gewalt in der Familie erlassen haben, belegt dies. Nur in 25 Ländern, darunter in Deutschland, ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Die Strafverfolgung von Verbrechen an Frauen ist in vielen Ländern trotz gesetzlicher Regelungen unzureichend.
(red)

Share if you care.