Bollywood und andere Kulinarien

26. Mai 2006, 13:07
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Das Kronos Quartet nach zehnjähriger Pause wieder in Wien

Wien - Das Einheitsschwarz ist individueller Buntheit gewichen, die synchronisierten Verbeugungsübungen informeller Lockerheit. Sieht man von der dezenten Lichtchoreografie ab, so präsentierte sich das Kronos Quartet im Konzerthaus optisch als normaler Streicher-Vierer. Der zudem seit 2005, als Jeffrey Zeigler Jennifer Culp am Cello ablöste, erstmals seit den 70ern wieder als reiner Männerbund daherkommt.

Repertoiremäßig hat sich das Quartett, Ahnfrau vieler stilistischer Querfeldein-Reiter, indessen längst eigene Normalitäten geschaffen, zu hören bei dem Bollywood- CD-Projekt You've Stolen My Heart. Schade nur, dass das durch den Gesang Asha Bosles überzeugende Opus nur in einer Sparvariante präsentiert wurde: Die Instrumentalstücke Rahul Dev Burmans, in denen Synthesizerklänge und Percussion-Tracks vom Band kamen, boten nur einen Abklatsch der Studioversionen.

Im Übrigen wurde ein durchaus auf problemlose Verdaubarkeit bedachter Mix aus "klassischem" Postminimalismus und hörerfreundlichen Tonsetzern serviert: Terry Rileys Venus Upstream überraschte durch billige Sphärenklangzuspielungen und nicht einmal Star Trek-kompatible Belanglosigkeit, Michael Gordons Potassium hingegen durch wohldosierte Nutzung von Verzerrer- und Hall-Effekten, die die riffartigen Repetitionsstrukturen mit faszinierend rauen Obertonspektren aufluden.

Abseits dieser Linie, die auch Steve Reichs dichtes Triple Quartet umfasste, konnte man bei der Quartettversion von Flugufrelsarinn der Island-Popper von Sigur Rós fündig werden, deren Pathos durch polyphone Schachtelungen unterlaufen wurde. Ebenso beim 5. Streichquartett von Peteris Vasks, das zwischen Neoromantik und klassizistischer Motorik zu emotionaler Direktheit fand. Am Ende Zugaben zwischen Hendrix und Irak-Pop. Etwas braver scheint man geworden zu sein, Geschmack und Können sei ihnen weiterhin attestiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.5.2006)

Von Andreas Felber
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    foto: kronos quartet
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