Motive einer Seefahrt

22. Mai 2006, 19:39
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Zum 500. Todestag des Christoph Kolumbus

"Freundin! - sprach Columbus - traue / keinem Genueser mehr! / Immer starrt er in das Blaue - / Fernstes lockt ihn allzu sehr!" So träumte Nietzsche, ein "Neuer Kolumbus", von einer Seefahrt: Wären wir erst los, was uns als Fremd-Vertrautes umgibt, wir kämen plötzlich zu uns. Dann könnten wir auf Entdeckungsreise gehen, ein Schiff besteigen und ablegen - ohne festes Ziel.

Vielleicht kämen wir eines Tages an: nicht im Robinsonclub, sondern im ganz Anderen. "Stehen fest wir auf den Füßen! / Nimmer können wir zurück! / Schaun hinaus: von fernher grüßen / Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!" (Nietzsche).

Afrika, Indien, China

Die Existenz Afrikas, Indiens oder Chinas hatten die Europäer nie ganz vergessen. 1492 entdeckte Kolumbus Amerika und Europa begegnete einer so radikal anderen Kultur wie vielleicht nie wieder in der Geschichte. Wie zufällig gleichzeitig verstieß das Königreich Spanien, was ihm kulturell vertraut war und doch zu fremd erschien: "Nach Vertreibung aller Hebräer aus Ihren Königreichen und Herrschaften befahlen mir Eure Hoheiten im nämlichen Monat Januar, mit einer hinlänglich starken Armada nach den genannten Gestaden Indiens in See zu stechen", schreibt Kolumbus einleitend in sein "Bordbuch".

In dieser Einleitung erinnert er auch an Spaniens Sieg über die Mauren im selben Jahr. Die Entdeckung Amerikas wurde zusätzlich so motiviert: Sie sollte helfen, das angeblich Ureigenste (den christlichen Glauben) von dem zu befreien, was fremd und doch vertraut war.

Ein neuer Kreuzzug

Kolumbus stellt dieses Motiv rückwärts gewandt, mittelalterlich her: Seine Entdeckung würde einen neuen Kreuzzug finanzieren, die Befreiung Jerusalems. Dabei liegen seiner ersten Fahrt falsche Annahmen bezüglich des Erdumfangs zugrunde, die sich vielleicht aus der falschen Übersetzung arabischer in italienische Seemeilen erklären.

Einerseits ist Kolumbus als Kartograf und Navigator seiner Zeit voraus, andererseits betont er zu Recht, mit Amerika nur "gefunden" zu haben, woran er fest glaubte. "Ich habe bereits gesagt, dass mir bei der Durchführung der Indienreise weder Vernunft, noch Mathematik, noch Weltkarten Nutzen gebracht haben; es ging nur in Erfüllung, was Jesaja vorhergesagt hatte" ("Buch der Prophezeiungen", 1501).

Schweigendes Meer

"Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer", bedichtete Schiller diese Haltung. Auch das Schweigen gehört also zu dieser utopischen Seefahrt. Kolumbus entdeckt Amerika, nicht aber die Amerikaner. Er versteht es weit besser, mit dem schweigenden Meer Informationen auszutauschen als mit der ganz anderen Kultur, auf die er da trifft: Wozu auch? - Das wechselseitige Unverständnis bewahrt ihm einen entscheidenden strategischen Vorteil: Auch die Ureinwohner sehen in dem ganz Anderen, das ihnen in Form der Spanier entgegentritt, Prophezeiungen erfüllt: die Ankunft von - schrecklichen - Göttern.

Die Kolonisatoren sehen die "Indianer" aber meist einfach als Tiere, das erleichtert ihre Ausbeutung und Versklavung. Von geschätzten acht Millionen Ureinwohnern "Hispaniolas" (Haiti, Dominikanische Republik) haben bis 1504 nur knapp 100.000 die "Begegnung der Kulturen" überlebt.

Die Genauigkeit dieser Zahlen ist anzweifelbar, ihre Tendenz zeigt sich aber auch in noch größerem Maßstab: Am Vorabend der Conquista beträgt die Bevölkerung Mexikos etwa 25 Millionen; im Jahre 1600 noch eine Million.

Traum der Seefahrt

Vor 500 Jahren, am 20. Mai 1506, starb Christoph Kolumbus. Seine wahrscheinliche Geburtsstadt Genua ausgenommen, verschleierte und verdunkelte er zeitlebens seine Herkunft. Simon Wiesental vertrat in einem Buch die Hypothese, dass Kolumbus jüdischer Abstammung sei. Selbst wenn das nicht zutreffen sollte, bleibt doch interessant, was der Philosoph Hans Blumenberg zu den Träumen der Seefahrt anmerkte: "Das Verhalten auf See liefert uns immer wieder die tiefsinnigsten Metaphern für ein Dasein, dessen Boden nie fest genug sein kann, um die Beziehungen zum nautischen Risiko vergessen zu machen." (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.5.2006)

Von Christoph Leitgeb

Zum Jubiläum ein äußerst anregender Lektüretipp:
Tzvetan Todorov: "Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen"
aus dem Französischen von Wilfried Böhringer
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1985
(= edition suhrkamp 1213, Neue Folge Band 213), 314 Seiten.
  • Die Einwohner Amerikas sehen im Nahen der Spanier die Ankunft von schrecklichen Göttern. Die Kolonisatoren hingegen betrachten die "Indianer" meist als Tiere, das erleichtert ihre Ausbeutung. Holzschnitt aus dem Kolumbusbericht 1493.
    holzschnitt: kolumbusbericht 1493

    Die Einwohner Amerikas sehen im Nahen der Spanier die Ankunft von schrecklichen Göttern. Die Kolonisatoren hingegen betrachten die "Indianer" meist als Tiere, das erleichtert ihre Ausbeutung. Holzschnitt aus dem Kolumbusbericht 1493.

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